Himmel und Hölle

Die subjektiven Wertungen

 

Nehmen wir an, Sie befinden sich in einem Dschungel Lateinamerikas und hören plötzlich ein lautes Brüllen. Wenn Sie dieses nicht sofort identifizieren können, befinden Sie sich in Alarmbereitschaft. Ihre ganze Aufmerksamkeit wird davon gefesselt. Ist es ein Jaguar? Was ist es? – Bis Ihnen einfällt, es ist ja nur ein Brüllaffe. Nun können Sie wieder unbesorgt Ihres Weges ziehen. Sie hören zwar immer noch das Brüllen, aber es hat keine Bedeutung mehr für Sie.

Ein anderes Beispiel: Neben Ihrem Bett tickt ständig der Wecker. Das stört Sie aber nur, wenn Sie direkt darauf achten und eigentlich schlafen wollen. Sonst hören Sie ihn nicht einmal. Auch hier wird Ihre Aufmerksamkeit nur gefesselt, wenn Sie dem Ticken eine persönliche Bedeutung beimessen, nämlich, dass es in der Lage sei, Sie wach zu halten.

Dadurch, dass wir die Signale unserer Umwelt deuten, bekommen sie für uns erst eine Bedeutung. Mit dieser ganz persönlichen Deutung des Geschehens um uns herum, oder auch des in unserem eigenen Inneren vorgehenden, also der Körperempfindungen, schaffen wir unser eigenes Gut und Böse, Positiv und Negativ. Das alles entsprechend dem, ob es unserem eigenem Wollen dient, oder ihm entgegensteht.

Das Negative an sich gibt es nicht. Uns begegnet im Leben nichts Negatives, sondern immer nur etwas, das unserem ganz persönlichen Wollen, wenn nicht immer, so doch im gegebenen Augenblick unerwünscht ist. Das ist dann das, was wir ganz persönlich negativ werten.

Das ist ganz wichtig zu wissen. Denn niemand kann uns von unseren Wertungen und damit von der Art des Erlebens befreien, als nur wir selbst. Auch Gott kann das nicht für uns tun. Jeder kann nur für sich, indem er ganz aufmerksam wird, wie er jede Situation im Augenblick bewertet, seine Bewertungen ändern.

Wir halten zunächst fest: Unser Erleben wird von der Bedeutung bestimmt, die wir den Eindrücken der Umwelt geben. Die Bedeutung wiederum fußt auf unseren Wertungen. Die größte Aufmerksamkeit schenken wir dem, was uns in allgemeiner Weise oder im gegebenen Augenblick als wichtig erscheint. Auf einen vermeintlichen Jaguar zu achten, wird nur vorübergehend, die Liebe zu einem unserer Hobbies dagegen, wird anhaltender sein.

Doch wie man es dreht und wendet, das Leben wird uns immer wieder Situationen bescheren, die uns nicht passen. Solange wir unser Glück in einer selektiven Entscheidung für diese oder jene Inhalte der Welt treffen – was jeder Mensch zunächst tut -, werden andere Inhalte der Welt gegen uns sein. Ein dauerhaftes Glück ist auf diese Weise unmöglich zu erlangen.

Im Gegenteil, die Enttäuschungen, die wir erleben, können uns in eine negative Abwärtsspirale führen, sodass man ganz im Negativen gefangen wird. Das ist dann die sogenannte Hölle.

Würde der Mensch lediglich ein Wesen sein, das mit der Geburt seinen Anfang nimmt und mit dem Tod endet, könnten wir diesen Gegebenheiten niemals entrinnen. Wir würden abhängig von unserer Umwelt bleiben. Das wäre der ganz natürliche Zustand.

Der Sinn des Lebens

Aber der Mensch ist nicht Fleisch und Blut, er ist nicht der Körper, sondern er hat einen Körper. Das, was den eigentlichen Menschen ausmacht, ist ewig. Deshalb hat das Leben einen Sinn! Dieser besteht darin, zu lernen, sich mit dem Ewigen zu identifizieren, um so die Abhängigkeiten vom Äußeren, also kurz gesagt, die Welt, zu überwinden, um dauerhafte Freude, dauerhaftes Glück, ewiges Heil zu erlangen.

Wer das ewige Heil erlangen will, dem bleibt nichts anderes übrig, als alle persönlichen Wertungen von Gut und Böse loszulassen und dem Objektiven zu folgen. Das Ewige allein ist Positiv. Sich darüber zu freuen, dass man ewig ist, indem man sich klar macht, was das alles für unser Leben im Hier & Jetzt und überhaupt bedeutet, gibt uns befreiende und weltüberwindende Kraft.

Die Abhängigkeit von der Welt, vom Äusseren, ist das objektiv Negative. Das bedeutet nicht, dass die Schöpfung (also das Äußere) schlecht wäre, sondern nur die Abhängigkeit des Menschen von ihr.

Will man also in den Himmel kommen, so muss man die Wünsche und Vorstellungen immer mehr aufgeben, die sich auf die Inhalte der Welt, also das Veränderliche, beziehen. Das betrifft auch jene Wünsche, die sich darauf beziehen, dieses oder jenes in der Welt gern noch zu erleben oder tun zu wollen. Die Einstellung „Habt nicht lieb die Welt noch was in der Welt ist.“( 1. Joh 2,15) ist praktische Notwendigkeit für den Eingang ins Himmelreich.

Wir bleiben vom Äusseren, von den Umständen beherrscht, wenn wir die Welt und ihre Inhalte weiterhin lieben. Wir haben damit unser Glück und Wehe aus unseren Händen gegeben.

Wir erlangen aber wahre Herrschaft und Selbstbestimmung, wenn wir uns an unserer Unvernichtbarkeit – das höchste Gut, das es gibt – erfreuen. Denn durch diese ständig gegenwärtige Erfüllung dessen, was unsere zersplitterte Wunschnatur eigentlich wünscht, gewinnen wir Abstand zu unserer „fleischlichen Natur“ (die sich eben auf die Inhalte der Welt bezieht) und Distanz zur Welt. Es kann uns dann immer mehr egal sein, wie die Welt mit uns umspringt. Wir werden immer ein glücklicher Fels in der Brandung sein. Wir werden zunehmen an innerem und äusserem Heil.

In die gleiche Richtung zielen die Anweisungen „Freuet euch allezeit, abermals sage ich freuet euch!“ (Ph. 4,4) und „Seid dankbar in allen Dingen und für alles!“ (1. Thess. 5,18; Eph. 5,20).

Diese Haltungen übend, werden sie uns immer mehr zur Gewohnheit, sodass unsere Aufmerksamkeit immer mehr vom Positiven gefesselt wird, und damit Wohlfühlen, Freude, Glück, Frieden, Liebe, Gesundheit Beständigkeit erlangen. So bringen wir die Früchte des Geistes (Gal. 5,22) hervor.

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In dir ist was du willst
Der Himmel ist in dir / und auch der Höllen Qual:
Was du erkiest und willst / das hast du überall. 

Der Himmel ist in dir
Halt an wo läufst du hin/ der Himmel ist in dir:
Suchst du Gott anderswo/ du fehlst ihn für und für.

Nichts verlangen ist Seligkeit
Die Heilgen sind darum mit Gottes Ruh umfangen/
Und haben Seligkeit/ weil sie nach nichts verlangen.

Wie wird man Gottes gleich?
Wer Gott will gleiche sein/ muß allem ungleich werden.
Muß ledig seiner selbst/ und los sein von Beschwerden.

Gott verdammt niemand
Was klagst du über Gott? Du selbst verdammest dich:
Er möcht’ es ja nicht tun/ das glaube sicherlich. 
(aus „Der cherubinsche Wandersmann“, Angelus Silesius)
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