Der lernende Gott

Es muss uns ja recht sonderbar erscheinen, dass Jesus Gehorsam lernen musste (Hebr. 5,8). Ist in ihm nicht Gott Mensch geworden, und zwar von Geburt an?

Ein Gott, der allwissend und allmächtig ist, hat es nötig zu lernen? – Dieser Vers aus dem Hebräer – Brief ist ein schönes Beispiel dafür, dass man doch etwas mehr differenzieren muss, als wir gewöhnt sind.

Wenn wir nämlich tatsächlich Jesus (zurecht) eine Göttlichkeit zuschreiben, dann kann sich das nur darauf beziehen, dass er ewig ist, wie übrigens jeder Mensch auch. Aber das muss einem natürlich erst einmal bewusst werden, denn sonst kann man über die Möglichkeiten des Ewigen nicht verfügen!

Viele Menschen meinen immer noch, dass ihr Leben mit dem physischen Tod ende. Sie sind sich also ihres wahren Wesens überhaupt noch nicht bewusst geworden und erfahren deshalb ein ganz anderes Schicksal als derjenige, der überzeugt ist, dass er unsterblich sei. (Letzteres sollte ja bei jedem, der sich als Christ bezeichnet, der Fall sein.)

Als Zwölfjähriger kannte Jesus bereits seine Identität (Luk. 2,49). Da schon war er sich sicher, dass nicht die leibliche Abstammung den Menschen ausmacht, sondern die göttliche. Obwohl er bis dahin stets an Weisheit zugenommen hatte (Luk. 2,52), war doch erst um das dreißigste Jahr sein Bewusstsein so weit entwickelt, dass er voll über die göttlichen Kräfte verfügen konnte. Was mit ihnen anfangen? – Da boten sich gleich ein paar Möglichkeiten, die aber überhaupt nicht dem Wesen Gottes entsprachen. Sie wurden deshalb verworfen (Mt. 4,1-7).

Nun erst war im eigentlichen Sinn Gott Mensch geworden, d.h. in einem physischen Leib verkörpert. Deshalb tönte zur Jordantaufe die göttliche Stimme : “Du bist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe! “ (Luk. 3,21).

Bis dahin litt Jesus unter den Grenzen, die uns die äussere Welt setzt, wie wir alle. Freilich hatte er bedeutend mehr innere Freiheit als wir, aber um Großes zur Entfaltung zu bringen, bedarf es großer Selbstzucht. Diese war wiederum nötig, als es galt, die Machtfülle aufzugeben, um schwach wie ein Mensch zu werden, der sich völlig von Gott verlassen fühlt. Denn nur so konnte Gott an sich selbst erleben, was es heißt, völlig hilflos zu sein, um so allen Menschen beistehen zu können (Hebr. 2,17-18).

Dieser Prozess begann im Wesentlichen in Gethsemane und war vollendet, als Jesus am Kreuz ausrief: “Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mt. 27,46).

Nun erst waren objektiv alle Hindernisse beseitigt, die einen Menschen von Gott trennen. Als Symbol darfür zerriss der Vorhang im Tempel (Mt. 27,51).

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5 Gedanken zu “Der lernende Gott

  1. Guten Tag Manfred,
    eine interessante Aufschlüsselung eines „anderen“ Weges Jesu oder Gottes.
    Gleicht ja schon einem esoterischen Ansatz, daß wir uns hier auf einem Ausbildungsplaneten befinden. Weiters, daß wir göttliche Splitter sind und für Gott Erfahrungen sammeln dürfen.
    Folgt man dieser These, diesem Bild, war ergo der Besuch Gottes durch Jesus so etwas wie ein Abgleichen, ein Update – vielleicht auch, um zu schauen, wieso der Mensch so ungehorsam ist… oder so erkenntnisarm.
    Eine andere Möglichkeit, ist es ein direktes Erfahren Gottes, wie sich der uns geschenkte freie Wille „in Echt“ auswirkt.
    Der Verstand schweift ab, getriggert von deinem Impuls.

    Besten Dank dafür und liebe Grüße,
    Raffa.

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    1. Ausbildungsplanet, find ich gut. Ein erhebender, utopischer Gedanke, dass wir kollektiv hier nicht nur in äußerlichen Tätigkeiten, sondern ganz bewusst in den innerlichen Wegen, jeder nach seiner Veranlagung, ausgebildet werden… irgendwie auch das Ideal einer universalen Religion, das mitschwingt

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      1. Na, so ein bißchen Magenschmerzen bekomme ich, wenn ich universale Religion höre. Die Frage ist, wer „kapert“ (derzeit) den ´Begriff´ – Eine Welt, Ein Volk, Eine Religion… – auf der anderen Seite, bleiben wir in Freiheit und Erkenntnis ist das „ein Weg zur Quelle.“

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  2. Zur Immanenz, welche in christlichen Kreisen ja manchmal verpönt wird, ja allgemein in monotheistischen Religionen oftmals als gotteslästerlich abgetan wird: manche gehen sogar soweit zu sagen, dass es ein Fehler war, den Dualismus zu lehren. Man kann nicht etwas erlangen, das man nicht schon besitzt. Man kann nicht zurück zur Ebenbildlichkeit Gottes finden, ohne dass diese jetzt bereits in jedem Menschen angelegt, als sein Geburtsrecht und gewisses Erbe vorhanden ist. Und Wahrheit kann und sollte gesagt werden! Fallstricke gibt es überall. Der Dualismus neigt sich häufig zum Egoismus, kann zu einem Kuhhandel mit Gott werden. Auch kann er Schwäche konstituieren, der arme Sünder, so weit weg von Gott. Warum also nur den mühsamen und schwierigen Prozess betrachten, warum nicht das große Ziel ins Heute setzen: Seid also vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist!

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    1. Danke für deine letzten Sätze hier. Davor haben so viele noch Angst oder halten das für utopisch. Das gibt es immer Diskussionen und als Fazit erhält man eher eine „resignierende Haltung“ oder man kapituliert gar…

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