Volkschristentum

(Fortsetzung der Auszüge aus einem Essay von Oscar Wilde, hier veröffentlicht unter dem Titel „Das Wesen erfasst…)

Das Volkschristentum ist ein aus der geschichtlichen Entwicklung entstandener Glaube, in dem bestimmte Vorstellungen (z.B. vom Leben nach dem Tod als einem Eingang in die Ewigkeit, der Gnade usw.) lebendig sind, die nicht der apostolischen Wahrheit entsprechen. Doch dieser Aberglaube darf nicht angetastet werden. Wie Wilde es hier darstellt, erwartet man immer wieder, dass die althergebrachten Vorstellungen bestätigt werden müssen. Ein Wachstum im Glauben und der Wahrheit wird aber damit verhindert.

„Wenn man einem Forscher sagte, die Ergebnisse seiner Experimente, und die Schlüsse, zu denen er gelangte, müssten dergestalt sein, dass sie die hergebrachten populären Vorstellungen über den Gegenstand nicht umstürzten, oder das populäre Vorurteil nicht verwirrten, oder die Empfindlichkeiten von Leuten nicht störten, die nichts von der Wissenschaft verstehen: wenn man einem Philosophen sagte, er habe ein vollkommenes Recht, in den höchsten Sphären des Denkens zu spekulieren, vorausgesetzt, dass er zu denselben Schlüssen käme, wie sie bei denen in Geltung sind, die überhaupt niemals in irgend einer Sphäre gedacht haben – nun, heutzutage würden der Forscher und der Philosoph beträchtlich darüber lachen. Aber es ist in der Tat nur sehr wenige Jahre her, dass Philosophie wie Wissenschaft der rohen Volksherrschaft und in Wirklichkeit der Autorität unterworfen waren – entweder der Autorität der in der Gemeinschaft herrschenden allgemeinen Unwissenheit oder der Schreckensherrschaft und der Machtgier einer kirchlichen oder Regierungsgewalt

Denn wonach der Mensch gesucht hat, das ist wahrhaftig nicht Leiden und nicht Lust, sondern einfach Leben. Der Mensch hat danach gesucht, intensiv, völlig, vollkommen zu leben. Wenn er das tun kann, ohne gegen andere Zwang zu üben oder ihn je zu dulden, und wenn all seine Betätigungen ihm lustvoll sind, dann wird er gesünder und kraftvoller sein, mehr Kultur haben, mehr er selbst sein. Lust ist das Siegel der Natur, ihr Zeichen der Zustimmung. Wenn der Mensch glücklich ist, dann ist er in Harmonie mit sich selbst und seiner Umgebung. Der neue Individualismus, in dessen Diensten der Sozialismus, ob er es will oder nicht, am Werke ist, wird vollendete Harmonie sein.“

Zum Schluss noch eine Bemerkung: Selbstverständlich geht es uns nicht um einen „Sozialismus“. Wichtig war uns allein aufzuzeigen, wie gut ein Außenstehender“das Wesen des christlichen Glaubens erfassen konnte.

13 Gedanken zu “Volkschristentum

  1. Das ist wirklich erstaunlich! Dass Oscar Wilde sehr „witty“ war ist ja bekannt, aber das auch bezogen auf die Religion… Trotzdem erscheint es mir isoliert betrachtet unwahrscheinlich, und obwohl es nicht in einen christlichen Blog gehört muss ich ehrlich sagen, dass als Voraussetzung für solche Gedanken m.E. ein starker spiritueller Strom oder Impuls nötig war, der nicht aus dem Abendland gekommen ist…

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  2. Was heißt dann dein letzter Satz, werter Manfred?

    Ist es dann eine Sache der Definition, des Namens, um an dem Sozialismus „vorbei“ zu kommen.
    Man kann auch den humanistischen Sozialismus des 6. Tieres, welches gleich dem 8. Tier ist, nehmen, um …
    Doch denkt man diese „Kausal-Kette“ weiter, beißt sich die Katze in den Schwanz, oder?

    Alles Liebe,
    Raffa.

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      1. Nu, ist doch auch nur so ein Dogma aus der Welt des New Age, oder?
        Haben wir da nicht etwas anderes ans Herz und den Verstand gelegt bekommen?:
        Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe. Darum seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben.

        und nicht: „lebt eure Reflexe aus“ oder „laßt euch spielen“. Was nicht heißt, daß wir jetzt in die „Glaskugel“ schauen müssen (;-) — doch was steht noch geschrieben, über den Dieb in der Nacht, so wir denn nicht vorbereitet sind?

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      2. Aus meinen Beiträgen geht hervor, dass ich mit „Leben im Hier & Jetzt“ keinesfalls das „Ausleben von Reflexen“ meine.
        Für den, der so lebt, wie ich es hier zu vermitteln suche, wird kein Verlust auftreten, wenn „die Stunde“ kommt. Er erfüllt genau das, was uns „aufgetragen“ ist.

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      3. Das SEIN ist das „Leben an sich“, das ewig ist. Ich bin also, da ich immer nur leben und nicht sterben kann, ewig.
        Wenn man sich mit dem Ewigen identifiziert ist das etwas ganz anderes, als wenn man sich mit dem physischen Leib identifiziert. Der hat nämlich immer Mangel. Das Ewige immer die Fülle! Also bekommt man Erfüllung, wenn man sich dem Ewigen zuwendet.
        Falls es mit dieser Notiz noch nicht deutlich geworden ist, gründlich meine Beiträge studieren, da sie alle aus diesem gelebten Bewusstsein geschrieben sind.

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      4. Hmm, danke für deine Worte hier.

        Verstehe ich deinen Background und deine Basis, gibt es in diesem Buch jedoch eine Entscheidung … und mit dieser auch eine Konsequenz, wo dieses eine „Sein“ gepflegt wird, das „andere Sein“ jedoch und sinnigerweise „entsorgt“ wird???

        Auch wenn ich lästig werde, – lese und auch ansatzweise verstehen kann: Was ist dann für dich konkret diese „gelebte Bewußtsein“, denn dieser Begriff ist ja total „abgenudelt“ und über die Maßen mißbraucht.

        Danke vorab für die Antwort und verzeih diese penetrante Neugier,
        Raffa.

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      5. Es ist vollkommen in Ordnung, dass Du immer wieder nachhakst. Mit „Buch“ meinst Du jetzt die Bibel? – Ich verstehe aber Deine weiteren Worte nicht. Ein Sein kann nicht „entsorgt“ werden. Außerdem gibt es nur EIN Sein.
        Ich kann nichts wissen vom Sein – dann habe ich auch KEIN Bewusstsein des Seins. Nun kann ich zwar wissen vom Sein, aber anderes kann mich mehr interessieren. Dann verachte ich das Sein. Wenn ich mir aber sage, das Sein ist mir das Wichtigste und soll vollständig mein Leben bestimmen, dann lebe ich im Bewusstsein des Seins, dann identifiziere ich mich mit ihm. So, wie es Jesus tat: Ich und der Vater sind Eins. Mit dem Unterschied, dass dieses Einssein bei mir noch nicht so zum Ausdruck kommt, wie bei Jesus.

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  3. Nun, es gibt doch eine Entscheidung (schon jetzt unserseits) und auch ein Gericht (lt. Bibel)?

    Die Frage ist, schon jetzt und für mich: Was trägt? Was trägt Leben in sich?
    und der menschlichen Denke folgend kann ich nur re-kapitulieren:
    Was passiert mit dem Bewußt-Sein, welches nicht den Prinzipien des Lebens folgt???

    Ein grübelnder Raffa.

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    1. Ich weiß nicht, ob ich verstehe, was Sie meinen (Sie können mir auch eine mail schicken.)
      Jedenfalls, wenn man sich so entscheidet, wie ich das auf meinem Blog empfehle, hat man sich für das entschieden, was für alle Zeiten und „Ewigkeiten“ trägt. Dann ist man, gemäß Joh. 5,24 zum Leben hindurchgedrungen und kommt nicht ins Gericht. Wer nicht dem Lebensprinzip folgt, bleibt in der Existenzangst und damit im Tod.

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