Packen wir es an!

Jesus sagt in Mt. 10,28 etwas sehr Zentrales, das aber von Christen kaum beachtet wird. Er meint, wir sollen uns nicht vor denen fürchten ,„die den Leib (zu) töten vermögen“. Bleiben wir zunächst dabei. Er erkennt damit zunächst an, dass wir uns vor dem Sterben fürchten. An anderer Stelle spricht er davon, dass diese Todesangst unser ganzes Dasein auf Erden bestimmt – „In der Welt habt ihr Angst.“ (Joh. 16,33) Das wird jeder aus seinem Leben bestätigen können, auch wenn wir dieses Wissen gern verdrängen und uns lebenstüchtig und furchtlos geben. Aber Jesus möchte nicht, dass wir unsere existentiellen Ängste verdrängen und uns in allerlei Aktivitäten stürzen, sondern, dass wir ihnen bewusst begegnen. Nur so können wir heil und gesund werden.

Deshalb sagt er uns auch, wie wir unsere Ängste überwinden können. Er gibt uns das Universalrezept dafür in die Hand! Das Einzige, das uns wirklich hilft ist – nein, nicht Jesus, sondern das Bewusstsein der Unsterblichkeit unserer eigenen Seele!

Er begründet, weshalb wir uns nicht fürchten müssen damit, dass die Seele nicht getötet werden kann. Also mit einer objektiv bestehenden Faktizität! „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht zu töten vermögen“ (Mt. 10, 28a)

Daran schließt sich aber gleich eine Warnung an. Wenn wir uns also nicht darin üben, durch die Pflege des richtigen Bewusstseins – nämlich unserer Unsterblichkeit – die Todesfurcht zu minimieren und schließlich ganz zu überwinden, dann übt diese existentielle Angst weiterhin ihre destruktive Macht aus. Vers 28 geht also weiter, „fürchtet aber vielmehr das, was sowohl Seele als auch Leib zu verderben vermag in der Hölle!“ Es ist nicht eine Person, die Seele und Leib zu verderben, sie krank zu machen vermag, sondern eben die Seeleninhalte, die aus der Identifikation mit dem Leib erwachsen. Aus der Identifikation mit dem Leib ergibt sich eine „fleischliche“ Gesinnung. Diese ist, wie Paulus schreibt, die Wirksamkeit des Todes. „Fleischlich gesinnt sein, ist der Tod“ (Rö. 8,6a). Wer sich aber mit der Unsterblichkeit der Seele, also der eigenen Ewigkeit identifiziert, baut eine geistliche Gesinnung auf, die Leben und Friede bringt. „doch geistlich gesinnt sein ist Leben und Friede.“ (Rö. 8,6b)

Fassen wir zusammen: Um heil zu werden, ist es notwendig, unsere Existenz-/Todesangst zu überwinden, sonst bleibt man weiter den destruktiven Kräften unterworfen. Die Überwindung der Todesangst ist allein auf wissenschaftlicher Basis möglich, nämlich durch das, was jeder Mensch wirklich, d.h. objektiv ist!

Noch etwas ganz Wichtiges: Im Text Mt. 10,28 steht γέεννα (geenna), das mit „Hölle“ übersetzt wird. Ganz klar geht daraus, wie auch aus Mt. 5,29-30 hervor, dass damit kein jenseitiger Ort, in den man nach dem Tod kommt, gemeint ist, sondern „nur“ das allseits zerstörerische Wirken der Sünde, der geistig-seelische Quellort der Zerstörung. Denn einen physischen Leib haben wir nur hier auf Erden.

Und noch etwas wichtiges: Weil auch Christen sich nicht gern ihren Ängsten aussetzen, sondern vor ihnen in allerlei Ablenkungen fliehen und sei es die Beschäftigung mit der Bibel, dem Predigen, dem Diskutieren in christlichen Foren oder dem Posten auf facebook, geschieht natürlich nicht viel, das uns Heilung in der Tiefe unseres Lebens bringt, bleibt unser Leben und Reden oberflächlich.

Deshalb ist es wichtig, dass wir nun endlich unsere wahren Probleme angehen!

Das Wesen erfasst…

Manchmal habe ich den Eindruck, dass viele, die, obwohl sie häufig in der Bibel lesen, doch das Wesen des christlichen Glaubens nicht erfassen. Um so mehr erstaunte mich der Text eines Menschen, von dem man kaum erwartet hätte, etwas Sinnvolles über den christlichen Glauben zu lesen. Aber so kann man sich täuschen!

Es handelt sich um Oscar Wilde (* 16. Oktober 1854 in Dublin; † 30. November 1900 in Paris). Unkommentiert nun der Text aus seinem Essay „Der Sozialismus und die Seele des Menschen“:

„Die wahre Vollkommenheit des Menschen liegt nicht in dem, was er hat, sondern in dem, was er ist.

Sie wird etwas Wunderbares sein – die eigentliche Persönlichkeit des Menschen – wenn sie sich uns zeigen wird. Sie wird in natürlicher und einfacher Art wachsen, wie eine Blume, oder wie ein Baum wächst. Sie wird nicht im Streit liegen. Sie wird nie argumentieren oder disputieren. Sie wird nichts in der Welt beweisen. Sie wird alles wissen. Und doch keinen Wissenschaftsbetrieb kennen. Sie wird weise sein. Ihr Wert wird nicht mit materiellen Dingen messbar sein. Sie wird nichts haben. Und wird doch alles haben, und soviel man ihr auch nimmt, sie hat noch immer, so reich ist sie. Sie wird sich nicht immer um andere kümmern oder von ihnen verlangen, sie sollten ebenso sein wie sie selbst. Sie wird sie lieben, weil sie anders sind. Und doch, während sie sich um andere nicht kümmert, wird sie allen helfen, wie etwas Schönes uns hilft, indem es ist, wie es ist. Die Persönlichkeit des Menschen wird sehr wundervoll sein. Sie wird so wundervoll sein, wie die Persönlichkeit eines Kindes.

Denn sie wird sich nicht um Vergangenes zerreissen und wird sich’s nicht kümmern lassen, ob sich etwas ereignet hat oder nicht ereignet hat. Auch wird sie keine Gesetze anerkennen als ihre eigenen und keine Autorität als ihre eigene. Doch lieben wird sie die, die ihre Mächtigkeit vorbereitet haben, und wird oft von ihnen sprechen. Und derer einer war Christus.

»Erkenne dich selbst,« stand über dem Portal der antiken Welt zu lesen. Ueber dem Portal der neuen Welt wird stehen: »Sei du selbst.« Und die Botschaft Christi an den Menschen lautete einfach: »Sei du selbst.« Das ist das Geheimnis Christi.

Was Jesus gemeint hat, ist folgendes. Er sagte dem Menschen: »Du hast eine wundervolle Persönlichkeit. Bilde sie aus. Sei du selbst. Wähne nicht, deine Vollkommenheit liege darin, äussere Dinge aufzuhäufen oder zu besitzen. Deine Vollkommenheit ist in dir. Wenn du die nur verwirklichen könntest, dann brauchtest du nicht reich zu sein. Der gemeine Reichtum kann einem Menschen gestohlen werden. Der wirkliche Reichtum nicht. In der Schatzkammer deiner Seele gibt es unendlich wertvolle Dinge, die dir nicht genommen werden können. Und also, suche dein Leben so zu gestalten, dass äussere Dinge dich nicht kränken können. Und suche auch das persönliche Eigentum loszuwerden. Es führt niedriges Gebaren, endlose Angst, ewiges Unrecht mit sich. Persönliches Eigentum hemmt die Individualität bei jedem Schritt.«

Jesus also sagt, dass der Mensch seine Vollendung erreicht: nicht durch das, was er hat, nicht einmal durch das, was er tut, sondern ganz und gar durch das, was er ist. Daher also ist der reiche Jüngling, der zu Jesus kommt, als durchaus guter Bürger hingestellt, der kein Staatsgesetz, kein Gebot seiner Religion verletzt hat. Er ist ganz respektabel, im gewöhnlichen Sinn dieses ungewöhnlichen Wortes. Jesus sagt zu ihm: »Du solltest das Privateigentum aufgeben. Es hindert dich an der Verwirklichung deiner Vollkommenheit. Es ist eine Fessel für dich. Es ist eine Last. Deine Persönlichkeit braucht es nicht. In dir selbst, nicht draussen findest du, was du wirklich bist und was du wirklich brauchst.« Seinen Jüngern sagt er dasselbe. Er fordert sie auf, sie selbst zu sein und sich nicht immer um andere Dinge zu ängstigen. Was bedeuten andere Dinge? Der Mensch ist in sich vollendet. Wenn sie in die Welt gehen, wird die Welt sich ihnen widersetzen. Das ist unvermeidlich. Die Welt hasst die Individualität. Aber das soll sie nicht kümmern. Sie sollen still und in sich gekehrt sein. Wenn jemand ihnen den Mantel nimmt, sollen sie ihm den Rock noch dazu geben, eben um zu zeigen, dass materielle Dinge keine Bedeutung haben. Wenn die Leute sie beschimpfen, sollen sie nicht antworten. Was liegt daran? Was die Leute von einem Menschen sagen, ändert den Menschen nicht. Er ist, was er ist. Die öffentliche Meinung hat keinerlei Wert. Selbst wenn die Leute Gewalt anwenden, sollen sie sich nicht zur Wehr setzen. Damit sänken sie auf dieselbe niedrige Stufe. Und schliesslich kann ein Mensch selbst im Gefängnis völlig frei sein. Seine Seele kann frei sein. Seine Persönlichkeit kann unbekümmert sein. Friede kann in ihm sein. Und vor allem sollen sie sich nicht in andrer Leute Sachen einmischen oder sie irgendwie richten. Um die Persönlichkeit ist es etwas sehr Geheimnisvolles. Ein Mensch kann nicht immer nach dem, was er tut, beurteilt werden. Er kann das Gesetz halten und doch nichtswürdig sein. Er kann das Gesetz brechen und doch edel sein. Er kann schlecht sein, ohne je etwas Schlechtes zu tun. Er kann eine Sünde gegen die Gesellschaft begehen, und doch durch diese Sünde seine wahre Vollkommenheit erreichen.

Es war da eine Frau, die beim Ehebruch ergriffen worden war. Man berichtet uns nichts über die Geschichte ihrer Liebe, aber diese Liebe muss sehr gross gewesen sein; denn Jesus sagte, ihre Sünden seien ihr vergeben, nicht weil sie bereute, sondern weil ihre Liebe so stark und wunderbar war. Später, kurze Zeit vor seinem Tode, als er beim Mahle sass, kam das Weib herein und goss kostbare Wohlgerüche auf sein Haar. Seine Jünger wollten sie davon abhalten und sagten, es sei eine Verschwendung, und das Geld, das dieses köstliche Wasser wert sei, hätte mögen für wohltätige Zwecke, für arme Leute oder dergleichen verwendet werden. Jesus trat dem nicht bei. Er betonte, die leiblichen Bedürfnisse des Menschen seien gross und immerwährend, aber die geistigen Bedürfnisse seien noch grösser, und in einem einzigen göttlichen Moment, in einer Ausdrucksform, die sie selbst bestimmt, könne eine Persönlichkeit ihre Vollkommenheit erlangen “

Teil zwei folgt.

Ideale müssen verwirklicht werden –

denn sonst erfährt man nicht ihren Segen. Das Christentum stellte das Ideal des Reiches Gottes auf, in dem alle Lebewesen miteinander in Harmonie und der gesamten Schöpfung leben (Mt. 6,10).

Damit dieses Ideal Wirklichkeit werden kann, müssen sich zuerst die Menschen ändern. Das kann nicht durch Zwang, also durch äussere Mittel geschehen, sondern nur indem der Mensch freiwillig dieses Ideal in sein Herz aufnimmt und dessen Verwirklichung anstrebt. Er muss also dieses Ideal lieben, um es zu erreichen (Jak. 2,17). Es ist klar, dass sich ein so großes Ideal nicht von heute auf morgen verwirklicht, sondern dass es ein langer Weg ist.

Das Wesen des christlichen Glaubens besteht nicht darin, daß der Mensch ohne sein Zutun – einfach aus Gnade – in eine bessere Welt versetzt wird (die er ja sofort wieder durch sein sündiges Wesen verderben würde) – sondern daß jeder Mensch, unabhängig von seiner Vergangenheit, dieses Ideal ergreifen und verwirklichen kann.

Dazu gehört natürlich der Glaube, dass das ein lohnenswertes Lebensziel und daß seine Realisation schrittweise möglich ist.

Denn Jesus sagte nicht, dass wir schlechtere Menschen sein dürften als die Pharisäer, die die Gebote nur äußerlich erfüllten, sondern er sagte in der Bergpredigt, dass wir weit besser sein müssten (Mt. 5)

Christlicher Glaube ist deshalb kein Hoffen auf ein „besseres Jenseits“, in das wir nach dem Tod kommen, sondern berechtigtes Hoffen auf eine zukünftige Welt (Hebr. 6,5), die durch die kontinuierliche Heiligung erreicht wird.

Dabei wird das menschliche Sein und Verhalten nicht mehr von der Vorstellung geprägt, wir seien vergängliche, dem Tod unterworfene Geschöpfe, sondern davon, dass wir im Kern unsterbliche Wesen sind. Infolgedessen müssen alle gegenwärtig noch vorhandenen Bedrohungen unseres leiblichen Daseins nicht mehr die Reaktionen hervorrufen, die wir zur Genüge gewohnt sind. Nein, weil sie uns im Kern nicht  treffen (Mt. 10,28), ist uns ein ganz anderer Umgang mit den Lebensverhältnissen möglich. Wir können schließlich jegliche Angst verlieren und durch den Frieden unseres Wesens nicht nur eine bisher unbekannte Stärke unseres Immunsystems erreichen, sondern sogar eine Geistesstärke, die es dem Gegner unmöglich macht, uns überhaupt anzugreifen (Lk 4,29-30, Joh. 10,18).

Wie weit entfernt wir aber noch von einem wahren Herzensfrieden sind, kann uns bereits das morgendliche Aufwachen lehren: Wir wachen oft nicht in friedlicher, angenehmer Stimmung auf, sondern so, dass wir lieber noch etwas schlafen würden.

Christliches Leben führt deshalb immer mehr zu einem von äusseren Anforderung freien, selbstbestimmten Leben, in dem wir durch zunächst recht grobe, dann aber immer feinere Abstimmung unserere jeweils gegenwärtige Realität mit dem Ideal in Übereinstimmung bringen.

 

Das Himmelreich ist in Dir

Jesu Reden handelten vom Himmelreich, das „nahe herbei gekommen“ sei (Mt. 4,17) und dessen Wesen er in zahlreichen Gleichnissen erläuterte. Das Himmelreich ist kein äußeres Reich, das von Raum und Zeit abhängt, sondern ein inneres Reich, das auf der Gegenwart Gottes beruht. Das machte Jesus gegenüber den Pharisäern deutlich, die darunter eine äußere Herrschaft verstanden: „Gottes Reich kann man nicht sehen wie ein irdisches Reich. Niemand wird sagen können: ›Hier ist es!‹ oder ›Dort ist es!‹ Denn Gottes Reich ist schon jetzt da – mitten unter euch.“ (Lk. 17,20; HfA)

Und so ist es kein Wunder, dass es auch einige Menschen gab und gibt, die dieses Reich „geschmeckt“ haben. Es sind das die wahren Christen , die sogenannten Mystiker! Gerhard Tersteegen (1697-1769) hielt es gegenüber dem veräußerlichten Christentum für nötig, zu betonen, dass mystisches Leben nichts Neues sei, sondern „das christliche Leben in seiner Schönheit und eigentlichen Gestalt“.

Des Mystikers Sinn ist treffend in Ps. 73, 25 mit den Worten „Wenn ich nur dich habe, so frage ich nicht nach Himmel und Erde“ ausgedrückt. So äußerte Katharina von Genua (1447-1510), „ Ich empfinde eine solche Liebe zu Gott, dass alle Liebe zum Nächsten mir im Vergleich zu jener zu Gott als eine Heuchelei erscheint“. Oder Mme. Guyon (1648-1717) : „Ich liebte Gott mehr als der leidenschaftlichste Liebhaber seine Geliebte… Diese Liebe war so beständig und beschäftigte mich so unablässig und so mächtig, dass ich an nichts anderes zu denken vermochte.“

Auch in unserer heutigen Zeit machen Menschen solche Erfahrungen. Während bei den Genannten die leidenschaftliche Hinwendung zu Gott alles andere verzehrt hatte, ist es bei den folgenden, heutigen Beispielen, die zeitweilige Loslösung von allem Irdischen in der Meditation.

Während der Meditation durchzogen mich so ungeheuer starke elektrische Ströme, dass mein ganzer Körper in Wonne eingetaucht zu sein schien. In Tränen aufgelöst schien ich nicht mehr derselbe zu sein mit dem allzubekannten, begrenzten Ich-Verständnis.” Eine andere Person empfindet im Zustand der Losgelöstheit „eine Liebe, die man, da sie ohne Objekt ist, am besten ‚Liebevollheit‘ nennen kann. Ja, sie ist umso vollkommener sie selbst, wenn sie ohne Objekt ist.“ Das bestätigen zwei nicht voneinander beeinflusste Lehrer aus ihrer persönlichen Erfahrung. „Wahre Loslösung ist eine Liebe selber ohne Objekt und Subjekt.“ Der andere: „Liebe ist keine Beziehung zwischen zwei Personen. Sie ist ein Gemütszustand. Bist du liebevoll, bist du es zu jedermann.“

Der Zustand der Losgelöstheit ist der Zustand der Einheit mit Gott. Deshalb auch diese Seligkeit und bedingungslose Liebe. So konnte auch Tersteegen sprechen, „Ich hab’s erlangt, was ich begehr‘, Mein Beten ist Genießen.“ Doch nur mittels persönlich geübter Disziplin erlangt man die Herrlichkeit des göttlichen Lebens. Angelus Silesius (1624-1677) ruft deshalb die trägen Christen auf,

Ach Fauler, reg dich doch, wie bleibst du immer liegen!

Fürwahr der Himmel wird dir nicht ins Maul reinfliegen!“

Mit Recht heißt es schließlich: „Doch wer im Himmel seines Innern wohnt, zufrieden mit sich selbst, begierdenlos, der ist erhaben über alles Wirken. Er wirkt nicht selbst; für ihn ist nichts zu tun.“ (Bhagavadgita III,17) Oder wie es die Offb. 14,13 sagt: „Glückselig die Toten [d.h. die Sünder, s. Eph. 2,1], die von jetzt an im Herrn sterben! [d.h. in das Ewige hinein] Ja, spricht der Geist, damit sie ruhen von ihren Mühen, denn ihre Werke folgen ihnen nach. [d.h. sie gehen aus der Einheit Gottes mit dem Menschen mühelos hervor].“

Tiefen- entspannung

Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben,
wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.“

Friedrich Schiller

 

Seit einigen Jahren wohne ich in einem hellhörigen Plattenbau, der einiges an Konzentration abverlangt, will man sich nicht gestört fühlen. Das alles würde noch gehen, wenn es nicht Nachbarn gäbe, die gelegentlich oder auch ziemlich regelmässig anscheinend der Auffassung sind, sie seien die einzigen Bewohner des Hauses und müssten keine Rücksicht nehmen. Die Versuche, ihnen schonend beizubringen, dass das ein Mehrfamilienhaus sei, führten bisher zu keinem Erfolg.

Wie will man also mit solchen Menschen in Frieden leben? – Nein, liebe Leser, ich erwarte jetzt keine Vorschläge, was ich alles tun könnte. Mir geht es wirklich um die Grundsatzfrage, wie lebt man im Frieden, wenn doch der Friede immer wieder durch lärmende Zeitgenossen beeinträchtigt wird? Zum Beispiel, wenn jemand Party feiert und Disco macht zur Schlafenszeit, oder dann, wenn man meinte, ungestört einer eigenen Beschäftigung nachgehen zu können?

Die erste Reaktion, die bei solchen Störungen auftritt, ist ja Empörung über ein solches Verhalten. Aber die tut einem zusätzlich nicht gut, wenn es keine Möglichkeit gibt, ein solches abzustellen. Sie macht einen unruhig, voll von Gedanken, die nichts taugen, schließlich wütend, dass man dem Störenfried gehörig eins überziehen möchte und zum Schluss bleibt man verzweifelt zurück. Natürlich ist das auf die Dauer krank machend.

Dass in einem solchen Fall Gebete geholfen hätten, habe ich noch nicht erlebt. Es sei denn, man bezeichnet die Ausrichtung auf das, was man ist und will, als solches.1 Da öffnet sich nämlich wirklich ein Weg. Der Weg des Heils ist ja ein Weg in die Tiefenentspannung. Nur so wird dauerhafter Frieden möglich. Gestört fühlen kann man sich tatsächlich nur, wenn man selbst auf etwas ganz Bestimmtes fixiert ist. Ist man losgelöst, kann auch nichts stören. Das Ewige, da es von allen Erscheinungen losgelöst ist, ruht im beständigen Frieden.

Da ich ewig bin, muss ich also nichts festhalten, sondern will im Gegenteil mit ihm in Übereinstimmung kommen, also losgelöst sein. Es gibt also nichts zu wollen, nichts zu tun, keine Vorsätze zu haben, sondern einfach nur zu sein. Alles, was ich wahrnehme, ist Außenwelt und geht mich nichts an.

Das, als tägliches Lebensprogramm, hilft auch in anscheinend aussichtslosen Situationen. Man regt sich nicht mehr auf, fragt nicht mehr, was man tun könnte, um die äußeren Beeinträchtigungen abzustellen, sondern bleibt bei sich, bzw. kommt sich näher. Man atmet dann nur noch, die Gedanken und Gefühle kommen zur Ruhe, der innere Aufruhr ist vorbei und schließlich schläft man trotz des Lärms ein.

„Ich werd‘ affektenlos in mir,

Die Sinne und Gedanken hier

Sind lieblich, süß und stille,

Der Leib tut ruhig, was er macht,

Der Atem gehet immer sacht,

Wie schmeidig wird der Wille!

Er schmilzt wie weiches Wachs dahin,

Weg ist der harte Eigensinn,

Hier gilt nur sanftes Wesen,

Die Adern sind von Friede voll;

O wie so ruhig, o wie wohl!“

(G. Tersteegen)

Ich bin überzeugt, die Tiefen des Friedens, den man erlangen kann, kennen keine Grenzen, ebenso die Stärken der Geisteskraft. Da ist längst noch nicht alles entdeckt und erlebt.

1 Eine Form des „Gebets ohne Unterlass“ (1. Thess. 2,13)

Der Leib – Tempel des Heiligen Geistes

Paulus ermahnt die Korinther, sich darauf zu besinnen, dass ihr Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist (1. Kor. 6,19). Wenn das der Fall ist, dann fragt man sich natürlich, weshalb man dann noch krank ist. – Die Antwort darauf kann eigentlich nur lauten: Wir hindern den Heiligen Geist am Wirken! Permanent könnte in unserem Leben Heilsames geschehen, wenn uns nicht anderes viel wichtiger sein würde.

Christen sollte bekannt sein, dass allein die Erbsünde und unsere ganz persönlichen Sünden für alles Leid, das wir erleben, verantwortlich sind. Wenn es uns also gut gehen soll, dann bleibt uns nichts anderes übrig, als unsere Sünden zu erkennen und sie durch Liebe zur Wahrheit aufzulösen (1. Kor. 11,31)! Das geschieht nicht von Heute auf Morgen. Denn es ist ein energetischer Prozess. Der Erfolg tritt dann ein, wenn die Liebe zum Richtigen stärker geworden ist als der energetische Fixpunkt, Kristallisationspunkt, der für das besondere Leid verantwortlich ist.

Hinter allen chronischen oder gar „unheilbaren“ Krankheiten liegt eine tief verwurzelte, also lange vorhandene – und deshalb starke – Fehlhaltung. Es dauert deshalb entsprechend lange, ehe man da frei werden kann. Aber selbst, wenn einem nichts weiter übrig bleibt, als sie zu akzeptieren, sollte man nach ihren geistig-seelischen Ursachen forschen. Denn es sind immer die Vorstellungen und Gedanken, die wir für unser persönliches Leben als wichtig (- und da wieder unterschieden nach dem Grad der jeweiligen Gewichtigkeit – ) ansehen, die unsere Lebensenergie in die entsprechende Richtung lenken.

Nun könnten viele sagen: Nein das ist falsch! Jesus heilt, und ich brauche ihn nur darum zu bitten. Gut, dann sollen es diejenigen tun. Das eine widerspricht ja dem anderen nicht. Nur weshalb wird man heute nicht mit einem Schlag heil, wie damals, als Jesus unter den Menschen weilte? Auch heute noch fährt man zu diesem oder jenem Heiler oder erwartet in einer charismatischen/pfingstlerischen Veranstaltung Sofortheilung. Man beachtet da überhaupt nicht, dass die Heilungen zur Zeit Jesu Zeichen waren. Zeichen einer Vollmacht! Diese Zeichen befreiten den Menschen nicht von den Veranlagungen zu dieser oder jener Krankheit, sondern nur von den Symptomen. Genauso ist es bei allen Heilungen, die von Außen, also durch andere Menschen bewirkt werden, seien es geistige oder ärztliche „Heilungen“. Die Veranlagungen kann nur jeder ganz persönlich ändern. Denn wenn eben die Liebe zu bestimmten Sünden bzw. Fehlhaltungen durch Sorge oder Furcht weiter bestehen, dann treten eben früher oder später die gleichen oder ähnliche Symptome auf. Deshalb sagte auch Jesus: „Sündige nicht mehr“ (Joh. 5,14; 8,11).

Wir sehen also, dass unsere Vorstellungen von einem christlichen Leben oft ganz verkehrt sind und wir deshalb so wenig Gutes erleben!

Alles steht in unserer Hand, da uns alles gegeben ist (2. Petr. 1,3).

Die Leute sagen oft zu mir: ‚Bittet für mich!‘ Dann denke ich: ‚Warum geht ihr aus? Warum bleibt ihr nicht in euch selbst und greift in euer eigenes Gut? Ihr tragt doch alle Wahrheit wesenhaft in euch.‘“ (Meister Eckhart, 1260–1328)

Von der Freude, sich heiligen zu können

Wie froh und dankbar bin ich doch, dass ich mich in all den Jahrzehnten meines Christseins in der Wahrheit heiligen (Joh. 17,17) konnte. Was für eine Befreiung! Was für ein Glück! Was für eine Freude!

Heiligung ist keine Last, sondern eine Entlastung des Daseins (Mt. 11,30). Das Dasein stellt uns vor „eiserne“ Notwendigkeiten und ist damit für einen jeden Menschen fordernd. Das fängt damit an, dass wir als Kind den Eltern gehorsam sein sollen. Es setzt sich fort mit den Anforderungen der Schule und mündet in den sogenannten „Ernst des Lebens“. Nun ist unser Leben hauptsächlich von Mühe und Arbeit gekennzeichnet. Hinzu kommen nicht selten diese oder jene Sorgen. Das alles macht uns mehr oder weniger krank.

Und dahinein schallt der Ruf von der Erlösung, von der Möglichkeit eines immer sorgloseren Lebens (Mt. 6,25)! Von der Möglichkeit, die Kindheit (Mt. 18,7), die Gesundheit zurück zu erlangen. Was für eine Chance!

Ein solches Leben ist aller Mühe wert! Was sind dagegen die „Schätze“ dieser Welt? Was Karriere, Eigenheim, Status, Wohlstand, für die sich die unwissenden Menschen plagen? – Aber in der Heiligung wirke ich nicht für vergängliche Werte, sondern schaffe nicht nur für die Gegenwart und nahe Zukunft, sondern für alle Zeiten Bleibendes (Mt. 6,20)!

Weshalb sollten wir denn immer nur zu Nichtigem, zu Unsinn fähig sein? Weshalb sollte es uns nicht vergönnt sein, Gutes, Heilsames zu tun? Dazu sind wir doch geschaffen (Eph. 2,10)!

Nur sinnvolles Tun befriedigt. Alles andere zerstört die menschliche Seele und den Leib! Ich habe es selbst in meiner Jugend erfahren, wie zerstörend Sinnlosigkeit und Hoffnungslosigkeit sind! Wie sie geradewegs in die Hölle führen…

Mit vierzehn Jahren erlebte ich den Schock meines Lebens! Plötzlich war alles zu Ende! Noch sieben Jahre etwa hätte ich zu leben unter der Last einer unheilbaren und ansteckenden Krankheit!

Was für eine Qual! Keine Liebe…, – zu der das Sehnen in diesem Alter aufbricht! Wie ertragen, unter Menschen zu sein mit diesem „Wissen“? Mein Schreien zu Gott – vergeblich! Ich konnte nur verdrängen…Diese „Wahrheit“ vergessen. Aber das funktioniert natürlich nicht. Verdrängtes kommt auf andere Weise wieder ans Licht. Und so hatte ich bald einen „Engel“, der mich immer dann mit „Fäusten“ schlug, wenn es mir am wenigsten passte! Dann die Nötigung in einen Beruf, den ich mir beileibe nicht ausgesucht hätte! Was soll dieses sinnlose, verfluchte Leben?!!! Die Depressionen wuchsen. Aber immer noch hatte ich Kraft, mich zu verlieben. Damit kam neuer Kummer. Ich war am Ende! Genau nach sieben Jahren! – Doch statt des physischen Todes kam der Neuanfang! Aber ich war ein seelisches Wrack!

Schnelle Lösungen gab es auch jetzt nicht. Ich baute mich auf durch Bibelstudium, durch wachsende Erkenntnis der Wahrheit. Nur so konnte ich die Schatten der Vergangenheit allmählich überwinden. Hätte ich diese Möglichkeit nicht gehabt, so hätte der Neuanfang schnell geendet.

Dass ich heute noch lebe, und zwar glücklich, habe ich der Heiligung zu verdanken. „Was, dieser fröhliche Mensch soll Depressionen gehabt haben?“ staunte eine Dame als ich auf einer Freizeit meine Geschichte erzählte. Der, der sich nicht mehr aus dem Haus traute, bereiste mit dem Rucksack die Welt! Der stumpfsinnig Gewordene, wurde zum begeistert Interessierten!

Mein Fazit:

Heiligung bringt das Himmelreich ins persönliche Dasein.

Heiligung lässt uns teilhaben an der Leichtigkeit des Seins.

Übung macht den Meister

Im Januar 1982 hatte ich eine Traumvision: In einer Wüste wanderten schwarzgewandete Menschen aufwärts mit einem Stab, wie ihn Hirten haben, und auf dem Kopf trugen sie einen schwarzen Melonenhut. Rechts im Traumbild standen in numerischer Abfolge die einzelnen Etappen untereinander aufgeführt, deren Inhalte ich aber wegen der Schnelle des Geschehens nicht lesen konnte. Dann sah ich links unten ganz deutlich die Ziffer 9 und daneben den Satz „Erlösung durch Sport.“ Dazu tanzte im Rhythmus ein Stockschirm, und ihm entsprechend ein Mann.

Ich begriff, dass es zum Fruchtbringen (9 ist die Zahl des Fruchtbringens) nötig sei, wie die Sportler immer wieder freiwillig, also aus eigenem Wollen (und nicht weil man muss), im rhythmischen Wechsel bestimmte Glaubensinhalte zu üben.

Zum Üben, das wissen die wenigsten Christen, fordert uns auch die Bibel explizit auf. In 1. Tim. 4,7 heißt es: „ übe dich aber zur Gottseligkeit“. Da steht das griechische Wort γυμνάζω (gymnázo), von dem das Wort Gymnastik abgeleitet ist.

Im evangelischen Glauben kommt man, wenn man etwas übt, sofort in den Verdacht, durch Werke gerecht werden zu wollen. Falls man da überhaupt etwas tut, außer Predigen, dann aus Dankbarkeit oder Liebe zu Gott. Die Werke, die man da tut, sind Werke der Nächstenliebe, also nichts Innerseelisches! Doch gerade das innerseelische Tun ist eminent notwendig, um das Ziel des Glaubens zu erreichen. Paulus schreibt 1. Kor 9,24: „Wisst ihr nicht: Die im Stadion laufen, die laufen alle, aber nur einer empfängt den Siegespreis? Lauft so, dass ihr ihn erlangt.“

Stattdessen hört man immer wieder, aus eigener Kraft können wir nichts tun. Und so überlässt man sich den fleischlichen Mächten.

Aber wer sagt denn, dass wir etwas aus eigener Kraft tun sollen? Nein, aus der Kraft Gottes, um die wir nicht bitten müssen, sondern die uns unablässig zur Verfügung steht, können wir aktiv an unserer Wandlung arbeiten.

Die Kraft Gottes ist aber keine besondere, keine magische Kraft, sondern die Kraft der Wahrheit!

Das Leben ist unablässig tätig. Ohne Pause schlägt das Herz, atmen wir ein und aus. Unablässig sind auch unsere Seeleninhalte in Bewegung. Das sehen wir an unseren Träumen, die aber auch im Tiefschlaf vorhanden sind (nur nehmen wir sie da nicht wahr). Was wir gewohnheitsmässig denken, beinflusst unser Gefühlsleben. Dieses wirkt wiederum zurück auf das Denken, und beides bewirkt unser Handeln. Statt also weiter das Falsche, können wir doch lieber das Richtige tun. Denn unsere Gedanken steuern die Lebenskraft.

Deshalb ist es so wichtig, dass wir die Wahrheit erkennen (Joh. 8,32) und ihr gemäss zu denken üben.

Wer bin ich, wenn ich wiedergeboren bin? – Bin ich dann noch der Mensch, der ich vorher war?

Wenn ich wiedergeboren bin, dann habe ich doch eine neue Identität und dann ist es falsch (also nicht der Wahrheit gemäss), sich weiterhin mit dem zu identifizieren, der ich durch die natürliche Geburt geworden bin.

Ich darf mich jetzt – wenn ich in der Wahrheit bleiben will – nicht mehr als ein vergängliches Wesen ansehen, das unauflöslich von der geschaffenen Welt und ihren Inhalten abhängig ist, sondern ich muss von mir als einem ewigen Wesen denken, das grundsätzlich absolut frei ist und Herrschaft über alles Geschaffene hat.

Nur so ergibt der Begriff „Kind Gottes“ einen Sinn. Ein Kind, das natürlich sich seiner selbst noch nicht so recht bewusst ist, deshalb sein wahres Wesen noch nicht erlebt und seine Kräfte ausleben kann, soll aber erwachsen werden. In Eph. 4,13 ist von der „vollen Mannesreife“ , der vollen Reife Christi“ die Rede, die wir erlangen sollen.

Nur, weil unser neues Leben die gleichen Voraussetzungen, wie das Leben Jesu Christi hat, ist es gerechtfertigt, dass Jesus seinen Nachfolgern verheißt: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer an mich glaubt, der wird auch die Werke tun, die ich tue, und wird größere als diese tun, weil ich zum Vater gehe.“ (Joh. 14,12)

Davon sind wir aber noch weit entfernt! Nicht, weil Gott das nicht wollte, sondern infolge unseres Unglaubens. Wir glauben nicht an das, was wir wirklich sind und aufgrund dieser Wirklichkeit könnten. Das ist wiederum die Folge mangelnden Interesses an der Wahrheit.

In Kirchen und Gemeinden wurden wir in den Schlaf gelullt, indem nicht die Wahrheiten gelehrt, die zum inneren Wachstum nötig sind, sondern in denen wir immer nur in allgemeinen Floskeln ermahnt wurden, zu „glauben“ und Gutes zu tun. Reifer als ein Baby in der Krabbelbox kann man auf diese Weise kaum werden.

Werde, der Du bist.“

Verständnis und Orientierung durch Vertiefung

In unserer schnelllebigen Zeit huschen wir von einem zum anderen, ohne etwas zu vertiefen. In einer viel extremeren Form als zur Zeit Jesu sind wir Menschen, die Augen haben, aber nichts sehen und Ohren haben, die nichts hören (Mt. 13,13). Alles haftet nur flüchtig an uns und so bleiben wir bei allem Angebot innerlich leer und können nicht entscheiden, was wesentlich und was unwesentlich ist.

Für unser christliches Leben ist das verhängnisvoll, denn es geht nichts mehr vom Kopf in das Herz! Wir bleiben deshalb unerneuert (Eph. 4,23). Alles ist nur noch ein leerer Wort- und Bilderschwall. In den sozialen Netzwerken knallen wir uns gegenseitig Bibelverse an den Kopf und sprechen dem anderen das Christsein ab.

Dieser Verwahrlosung können wir nur durch die Pflege der Stille und durch Meditation/Kontemplation abhelfen, ähnlich wie es Maria mit den ihr vom Engel zugesprochenen Worten tat: “Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.“ ( Lk 2,19).

Nur so kommen wir zu einer Verinnerlichung, zu einer Vertiefung des Glaubens und zu einem wirklichen Verständnis. Denn alles, was uns die Bibel lehrt, ist nicht etwas Irrationales, das sich dem Verstehen entzieht, sondern durchgehend rational. Jesus und den Aposteln war nicht an einem Nachplappern von Bibelversen gelegen, das viele mit „Glauben“ verwechseln, sondern an einem wirklichen Verständnis dessen, was gesagt und geschrieben wurde.

Im Gleichnis vom Sämann spricht Jesus: „Wenn jemand das Wort von dem Reich hört und nicht versteht, so kommt der Böse und reißt hinweg, was in sein Herz gesät war “ (Mt 13,19).

Auch die bringen keine Frucht, die von den Sorgen des Alltags oder von den Verlockungen der Welt (also allem, was man in seiner Freizeit alles so Tolles machen kann) in Anspruch genommen werden (Mt 13,22). Nachfolge Jesu ist kein Spaziergang, sondern etwas, das uns ganz angeht. Aber uns damit auch wirklich befreit und heilt.

Zum Glückso kann ich allerdings nur heute sprechen – hatte ich in meiner Jugend mehrere traumatische Erfahrungen. Da suchte ich natürlich, weil christlich erzogen und regelmässiger Kirchgänger, Hilfe bei den Gläubigen. Aber da war nichts zu finden. Die hatten ja selber nichts! Es war alles nur unverstandene Tradition. So musste ich mich selbst auf die Suche machen.

Es war am Anfang ganz wenig, was ich begriff. Aber es wurde immer mehr, und heute bin ich überreich belohnt. An mir bewahrheitete sich der Spruch „wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe“ (Mt 13,12). Übrigens ein schöner Hinweis darauf, dass Gott ein lebendiger Gott ist, und alle die Unrecht haben, dass er über das fixierte Bibelwort hinaus nichts gebe!

Das wird auch in den Gleichnissen von den anvertrauten Pfunden/Talenten deutlich. Nur die, die damit wucherten, wurden belohnt. Der aber zurückgab, was er bekam, weil er es nicht entdecken wollte, wurde in die äusserste Finsternis geworfen (Mt. 25,24-29).

Der lebendige Nachfolger Christi steht immer zwischen zwei Extremen, wie auch schon die Gottergebenen zur Zeit Jesu: dem verhärteten Pharisäer, dem der innere Sinn fehlt, aber für seine Sache eifert und dem vom Zeitgeist beherrschten Sadduzäer, der gemäss diesem alles relativiert.

Wirkliche Hilfe auf dem Glaubensweg kann man deshalb nur von denen erlangen, die nicht Lehr- sondern „Lebemeister“ (Meister Eckhart) sein wollen, denn die sind allein in der Lage, aus einem wirklichen Verständnis heraus zu lehren. Das sind leider wenige. In der Vergangenheit, um einige zu nennen, waren es der schon erwähnte Meister Eckhart, Johannes Tauler, Angelus Silesius, Madame de Guyon, Gerhard Tersteegen, Johannes Gommel, Sadhu Sundar Singh und ganz aktuell, Rut Björkman .

 

Die Logik der Erlösung

Die Grundlage von allem

Im Februar 2014 las ich mein erstes und bisher einziges Werk des Philosophen Johann Gottlieb Fichte (*19. Mai 1762; †29. Januar 1814) mit dem Titel Die Anweisung zum seligen Leben oder auch die Religionslehre“(1806). Seine Darlegung der Lehre erscheint heute etwas umständlich und die Sprache recht antiquiert. Trotzdem lohnt es sich, seinen Gedanken, wie ich sie hier auszugsweise wiedergebe, zu folgen, da sie eindeutig belegen, dass Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit fähig sind.

Mir selbst wurde Jahre vor dieser Lektüre klar, dass das Leben an sich der Ursprung aller Dinge ist. Das Leben ist natürlich unpersönlich, hat aber die Tendenz zur Bewusstwerdung und damit zur Bildung von Bewusstseinszentren. Ein persönlicher Gott ist deshalb ein Wesen, in dem sich das Leben seiner selbst als Leben bewusst geworden ist. Er ist also erst ein Produkt des Lebens.

Nur das unpersönliche Leben ist allgegenwärtig und ewig.

Diese Wahrheit hatte auch schon Fichte erkannt und ebenso den einzigen Weg zur Glückseligkeit, den „schmalen Weg“ (Mt 7,14). Aber lassen wir ihn selbst zu Wort kommen.

Fichte setzt Sein und Leben gleich: Sein, sage ich, und Leben ist … Eins und dasselbe. Nur das Leben vermag, selbstständig, von sich und durch sich selber, dazusein.“

Das Leben wird damit als ewig definiert. Der Tod lediglich als etwas, das auf der Grundlage des Lebens erwachsen kann:so wie Sein und Leben Eins ist und dasselbe, ebenso ist Tod und Nichtsein Eins und dasselbe. Einen reinen Tod aber und reines Nichtsein gibt es nicht.“

Fichte sieht also das Leben an sich als die Grundlage, den Ursprung aller Dinge an. Aus ihm hat sich alles Raum-Zeitliche, also das Vergängliche, dem „Tod“ Zustrebende entwickelt.

Fragt man nun, was vor dem von der Wissenschaft postulierten Urknall war, dann lautet die Antwort : davor war das Leben!

Der „Tod“ ist also nur etwas Scheinbares:Einen reinen Tod aber und reines Nichtsein gibt es nicht, wie schon oben erinnert worden. Wohl aber gibt es einen Schein, und dieser ist die Mischung des Lebens und des Todes, des Seins und des Nichtseins.“

Fichte führt nun nicht aus, wie es zu einer solchen Vermischung von Sein und Nichtsein kommt. Deshalb möchte ich das aus meinen Erkenntnissen ergänzen.

Aus der Betrachtung des organischen Lebens wird deutlich, dass das Leben unaufhörliche Bewegung ist. Außerdem wissen wir, dass das Leben irritabel ist und damit die Tendenz zur Bewusstwerdung seiner selbst besitzt. Diese ewige Prozesshaftigkeit muss folglich Schöpfungen zum „Zweck“ der Bewusstwerdung des Lebens hervorbringen. Also das Raum-Zeitliche. Aber in jeder solchen Schöpfung/Begrenzung ist wieder das ursprüngliche sich seiner selbst unbewusste Leben tätig, und zwar – wie könne es auch anders sein? – mit der gleichen Tendenz!

Wir sehen deshalb ausgehend vom rein Mineralischen, also dem Stein, eine aufsteigende Linie der Bewusstwerdung des Lebens über Pflanze und Tier zum Menschen hin. Natürlich nur dadurch, dass es sich zunächst mit seiner Lebensform identifizierte. Da die Formen aber selbst vergänglich sind, zittert in ihnen das Leben um seiner selbst vor einem vermeintlichen Nichtsein. Dass dieses nur die Formen betrifft, kann es nur im Menschen begreifen, und da nur in denen, die in der Lage sind, tief genug zu reflektieren. Solange also das Leben sich mit der ihm jeweils eigenen Lebensform identifiziert, ist es gehindert, sich seiner selbst als (ewiges) Leben bewusst werden zu können. Vielmehr ist es mit den sie umgebenden Lebensformen beschäftigt, nämlich inwieweit diese ihm nützlich oder schädlich sein könnten. Das Leben ist sich da also seiner selbst entfremdet, ist nicht bei sich.

Die einzige Möglichkeit, wie der Mensch glücklich werden kann

Demzufolge kann der Mensch, der seine Befriedigung noch in den Objekten des Daseins sucht, niemals wahrhaft glücklich werden. „Der Grund alles Elendes unter den Menschen ist ihre Zerstreutheit in dem Mannigfaltigen und Wandelbaren;“

Was ein solcher Mensch „Leben“ nennt, ist deshalb nur ein Scheinleben. „ Das blosse Scheinleben [ist] versucht zu lieben…das Vergängliche in seiner Vergänglichkeit.

Das Scheinleben lebt nur in dem Veränderlichen, und bleibt darum in keinen zwei sich folgenden Augenblicken sich selber gleich; jeder künftige Moment verschlingt und verzehrt den vorhergegangenen; und so wird das Scheinleben zu einem ununterbrochenen Sterben, und lebt nur sterbend, und im Sterben“ [ vgl. Eph. 2.1,5; Kol 2,13; 1. Tim 5,6].

Sonach ist der Zustand des Seligwerdens die Zurückziehung unserer Liebe aus dem Mannigfaltigen auf das Eine.“ Das geschieht mittels der Liebe zum Ewigen.

Die einzige und absolute Bedingung des seligen Lebens sei die Erfassung des Einen und Ewigen mit inniger Liebe und Genuss“ [vgl. Mk 12,30].

Erst durch solche Konzentration wird der Mensch „kernig“, stark.

Alle innere geistige Energie erscheint im unmittelbaren Bewusstsein derselben, als ein sich Zusammennehmen, Erfassen und Kontrahieren seines ehedem zerstreuten Geistes in Einen Punkt, und als ein sich Festhalten in diesem Einheitspunkt gegen das stets fortdauernde natürliche Bestreben, diese Kontraktion aufzugeben, und sich wiederum auszudehnen. Also, sage ich, erscheint schlechthin alle innere Energie; und nur in diesem sich Zusammennehmen ist der Mensch selbstständig, und fühlt sich selbstständig. Ausser diesem Zustand der Selbstkontraktion verfliesst er eben und zerfliesst, und zwar keinesweges so, wie er will und sich macht (denn alles sich machen ist das Gegenteil des Zerfliessens, die Kontraktion), sondern so wie er eben wird, und das gesetzlose und unbegreifliche Ohngefähr ihn gibt. Er hat demnach in diesem letzteren Zustand gar keine Selbstständigkeit, er existiert gar nicht als ein für sich bestehendes Reales, sondern bloss als eine flüchtige Naturbegebenheit. Kurz, das ursprüngliche Bild der geistigen Selbstständigkeit ist im Bewusstsein ein ewig sich machender und lebendigst sich haltender, geometrischer Punkt: das ebenso ursprüngliche Bild der Unselbstständigkeit und des geistigen Nichtseins, eine unbestimmt sich ergiessende Fläche. Die Selbstständigkeit kehrt der Welt eine Spitze zu; die Unselbstständigkeit eine stumpf ausgebreitete Fläche.

In dem ersten Zustande allein ist Kraft und Selbstgefühl der Kraft; darum ist auch nur in ihm eine kräftige und energische Auffassung und Durchdringung der Welt möglich.“

Jesus drückte diese Wahrheit so aus: „wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut.“ (Mt 12,30)

Dieses Anhaften am Ewigen, des Leben an sich, ist folglich der Mittelpunkt des erwachten Menschen. Es ist das Aufhören der Identifikation des Lebens mit der Form. Nun da sich das Leben im Menschen selbst erkannt hat, ist es die Identifizierung des Lebens mit sich selbst. Wie Jesus kann ein solcher Mensch (sich) sagen: „Ich bin das Leben“ (Jo 14,6). Nicht mehr und nicht weniger! Das Leben ist Nichts im Sinne von Gestaltung, aber damit Alles, da es die große Offenheit, die absolute Freiheit ist. Während eben jede Form Beschränkung darstellt.

Deshalb fasst Fichte die Weisheit, die ein jeder Mystiker kennt, in die Worte „Solange der Mensch noch etwas für sich selbst sein will, kann das wahre Sein und Leben in ihm sich nicht entwickeln, und er bleibt eben darum auch der Seligkeit unzugänglich; denn alles eigene Sein ist nur Nichtsein und Beschränkung des wahren Seins; und eben darum, entweder auf dem ersten Standpunkt der Sinnlichkeit, die ihr Glück von den Objekten erwartet, lauter Unseligkeit, da durchaus kein Objekt den Menschen befriedigen kann.“

Falsche Erwartungen der Gläubigen

Aus dieser Wahrheit heraus beleuchtet er auch die weitverbreiteten aber deshalb nicht weniger falschen Vorstellungen eines ewig seligen Lebens nach dem Tod, wie es angeblich der Gläubige erwarten könne.

Es hilft auch nichts, dass man diese Glückseligkeit recht weit aus den Augen bringe und sie in eine andere Welt jenseits des Grabes verlege; wo man mit leichterer Mühe die Begriffe entwirren zu können glaubt. Was ihr über diesen euren Himmel auch sagen (…) mögt: so beweiset doch schon der einzige Umstand, dass ihr ihn von der Zeit abhängig macht und ihn in eine andere Welt verlegt, unwidersprechlich, dass er ein Himmel des sinnlichen Genusses ist. Hier ist der Himmel nicht, sagt ihr: jenseits aber wird er sein. Ich bitte euch: was ist denn dasjenige, das jenseits anders sein kann, als es hier ist? Offenbar nur die objektive Beschaffenheit der Welt, als der Umgebung unseres Daseins Die objektive Beschaffenheit der gegenwärtigen Welt demnach müsste es eurer Meinung zufolge sein, welche dieselbe untauglich macht zum Himmel, und die objektive Beschaffenheit der zukünftigen das, was sie dazu tauglich macht; und so könnt ihr es denn gar nicht weiter verhehlen, dass eure Seligkeit von der Umgebung abhängt, und folglich ein sinnlicher Genuss ist. Suchtet ihr die Seligkeit da, wo sie allein zu finden ist, rein in Gott und darin, dass er heraustrete, keinesweges aber in der zufälligen Gestalt, in der er heraustrete; so brauchtet ihr euch nicht auf ein anderes Leben zu verweisen: denn Gott ist schon heute, wie er sein wird, in alle Ewigkeit.“

Der Erlöste

Wer wirklich glücklich werden will, wendet also seinen Blick vom Äußeren aufs Innere. Der sich mit dem Ewigen Identifizierende kennt „keine Furcht über die Zukunft, denn ihn führt das absolut Selige ewig fort derselben entgegen; keine Reue über das Vergangene, denn inwiefern er nicht in Gott war, war er nichts, und dies ist nun vorbei, und erst seit seiner Einkehr in die Gottheit ist er zum Leben geboren; inwiefern er aber in Gott war, ist recht und gut, was er gethan hat. Er hat nie etwas sich zu versagen, oder sich nach etwas zu sehnen, denn er besitzt immer und ewig die ganze Fülle alles dessen, das er zu fassen vermag. Für ihn ist Arbeit und Anstrengung verschwunden, seine ganze Erscheinung fliesst lieblich und leicht aus seinem Innern, und löst sich ab von ihm ohne Mühe. Er ist „des Schmerzes, der Mühe, der Entbehrung frei.“ „Worin seine Seligkeit selbst positiv bestehe, lässt sich [allerdings] nicht beschreiben, sondern nur unmittelbar fühlen.“