„Der Heilige Geist“ – was ist das?

Christen, besonders die, die ab und zu die Bibel lesen oder Pfingstler und Charismatiker reden ständig vom „Heiligen Geist“. Obwohl sie ihn alle zu besitzen wähnen, reden sie aber auch immer aneinander vorbei.

Was ist also der „Hl. Geist“ und wer hat ihn tatsächlich? – Um das herauszufinden, müssen wir uns erst einmal klar machen, was „heilig“ bedeutet. Das deutsche Wort ist abgeleitet von „heil“, das „ganz“ bedeutet, im Englischen ebenso: „holy“ – „whole“. Der „Heilige Geist“ ist deshalb der „ganze Geist“, der „allumfassende Geist“, der Geist, der heil, also die Seele des Menschen heilig, den Leib gesund macht. Es ist der Geist der Ganzheit.

Dieser Geist war nach christlicher Auffassung in vorchristlicher Zeit allein Gott zu eigen. Seit Pfingsten können auch Menschen an ihm partizipieren.

 

Wie der heilige Geist zum Menschen kam

Weshalb dieser Unterschied? Nun, in vorchristlicher Zeit war der Mensch durch die Sünde von Gott getrennt und konnte damit noch nicht vollkommen werden. Vollkommenheit ist ein anderes Wort für Ganzheit. Erst indem sich Jesus Christus zum Sünder machte und so den „Geist der Sünde und des Todes“ durchdrang, ist der Mensch prinzipiell wieder in die Sphäre Gottes eingegliedert. Was den Menschen von Gott trennte war also der Unterschied zwischen dem „Geist Gottes“ und dem „Geist des Menschen, der Welt“.

Der heilige Geist wird aber auch der „Geist der Wahrheit“ genannt. Ein Geist muss ja schließlich auch Inhalte haben, sonst wäre er ja „geistlos“, also ein Widerspruch in sich selbst.

Da sich also der Geist Gottes mit dem menschlichen Geist vereinte, kann nun der Mensch auch die göttliche Wahrheit, d.h. das Sichtbare und das Unsichtbare/Übersinnliche erkennen.

Prinzipiell entstehen Erkenntnisse dadurch, daß Wahrnehmungen miteinander verglichen werden. Das, was wahr zu nehmen ist, ist die Realität. Die Bibel ist aber nicht die Realität selbst, sondern sie kündet in zeitgemäßer Einkleidung von der Realität. Wovon sie spricht, erfahre ich deshalb nur, wenn ich selbst die Realität aufsuche, von der sie spricht. Sie benennt also gewisse heilsgeschichtliche Fakten, die nur in Bezug zum konkreten Leben einsichtig und verständlich werden. Ich muss also „ganzheitlich“ an sie herangehen.

 

Das Grundübel des Menschen

Die wichtigste Wahrheit, von der die Bibel spricht, ist unsere „Erlösung“. Das ist ein Wort, mit dem wir nur deshalb meinen etwas anfangen zu können, weil wir ihm als christlich sozialisierte Menschen ständig begegnen. Jemand, der fern vom christlichen Glauben aufgewachsen ist, kann kaum etwas damit verbinden.

Konkretheit gewinnt dieses Wort, wenn sich der Mensch, unabhängig von allen religiösen Bezügen, klar macht, was das Urübel des menschlichen Lebens ist. Wenn man tief und klar genug denkt, kommt man darauf, dass es in der Sterblichkeit des Menschen, also dem Tod besteht. Um das zu begreifen, braucht man keine Bibel oder eine andere Offenbarung. Und so haben das nicht nur gewichtige Philosophen oder Psychologen erkannt, sondern auch ganz gewöhnliche Menschen.

Schwierig wird es erst, wenn man nach der Lösung für dieses Problem sucht. Denn solange dieses Problem nicht gelöst ist, können auch alle anderen Probleme des Menschen nicht gelöst werden. Denn um dieses Problem lösen zu können muss ich wissen, was der Mensch ist.

Ist er lediglich ein Wesen, das mit der Geburt seinen Anfang nimmt und mit dem Tod endet, wie der Materialismus lehrt, oder ist seine Seele prinzipiell unsterblich?

Sollte Ersteres den Tatsachen entsprechen, dann gibt es für ihn keinerlei Hoffnung. Dann haben alle Religionen unrecht. Der Mensch ist dann auch kein Sünder, so wenig wie eine Kuh gegen ihr Kuhsein sündigt. Der Mensch ist dann Mensch und kann nichts anderes sein, wie die Kuh eben Kuh ist und nichts anderes sein kann.

Nur wenn der Mensch prinzipiell unsterblich ist, aber zu einem Sterblichen wurde, ist er gefallen, lebt er wider seine Natur, das man ihm dann zu Recht vorwerfen kann.

 

Ist der Mensch unsterblich?

Wir sehen bereits aus diesem Gedankengang, dass alle diejenigen, die meinen aus der Bibel herauslesen zu dürfen, dass der Mensch keine Unsterblichkeit habe, grundlegend falsch liegen. Ihre Lehren sind deshalb wertlos, ja irreführend.

Nun haben wir aber vorgegriffen. Es ist ja überhaupt noch nicht ausgemacht, dass des Menschen Seele tatsächlich unsterblich ist. Doch genau das wollte uns Jesus Christus durch sein Sterben und Auferstehen vermitteln. Doch muss sich die Unsterblichkeit auch auf weniger spektakulärem Weg erweisen. Ja, man muss sich ihr unmittelbar bewusst werden können, ohne dass man selbst bereits auferstanden ist. Das ist möglich, wenn man sich fragt, wer bin ich? Bin ich das, was ich liebe oder hasse? Warum liebe ich gerade das und verabscheue jenes? – Wenn man in dieser Richtung immer weiter fragt, kommt man dahin, dass man im Grunde nichts von alledem ist, was man bisher dachte, sondern nur allgemeines, allseits offenes, schöpferisches Leben ist, das sich seiner selbst als unsterblich bewusst werden möchte.

Die Unsterblichkeit ist bereits vielen Menschen zur Gewissheit geworden. Sogar schon in vorchristlicher Zeit, man denke an Plato, der sie lehrte oder an die Upanishaden, die die Göttlichkeit der Seele (Atma) betonen. Wer seine Augen aufmacht und ganzheitlich denkt, wird viele Indizien dafür wahrnehmen.

Der christliche Glaube ist also nichts, dass mit dem natürlichen Leben keinen Zusammenhang hätte, sondern stellt die Rückführung des Natürlichen ins Übernatürliche dar.

Die menschlichen Probleme können nicht ohne den individuellen Menschen, über seinen Kopf hinweg, gelöst werden, sondern nur dadurch, dass sich jeder persönlich bewusst wird, dass er unsterblich ist, und er deshalb in Bezug auf sein persönliches Leben nichts mehr negativ werten muss.

 

Was „Neugeburt“, „Wiedergeburt“ wirklich ist

In der Identifikation mit dem Ewigen wird der Mensch neu „geboren“. Viele Christen behaupten zwar, „von neuem geboren“ zu sein, eine „Wiedergeburt“ erlebt zu haben, aber sie verwechseln dabei die Bekehrung mit der Wiedergeburt. Sie haben sich nun ernsthafter als zuvor, oder überhaupt das erste Mal, entschieden, als Christ zu leben, d.h. in die Kirche zu gehen, die Bibel zu lesen, zu beten, oder zusammenfassender ausgedrückt, „Gott/Jesus gehorsam“ zu sein. Aber die Aufforderung, Gott zu gehorchen erging schon in alttestamentlicher Zeit. Das ist also nichts Neues!

Wenn jemand nur gehorsam ist, dann ist er ja noch als Fremder von dem anderen geschieden. Er tut dann nicht seinen Willen – denn er würde ja aus den ursprünglichen Impulsen etwas anderes tun – sondern den Willen eines Fremden. Wie schädlich das ist, fällt einem erst auf, wenn man das in Bezug auf einen Menschen tut. Denn so kann man „Selbstlosigkeit“ auch verstehen. Der Mensch wird dann zum Spielball des anderen und weiß selbst nicht mehr, was er will und was ihm gut tut. Wer sich so selbst übergeht, merkt, dass er ausgebrannt wird, also ein „bourn out“ bekommt, oder sonstwie depressiv. Im „Gehorsam“ kann also nicht die Lösung des Problems liegen. Sondern nur in der Neugeburt, d.h. auf einer neuen Grundlage, einem neuen Fundament, einem neuen Ausgangspunkt meines Denkens, Fühlens und Wollens. Und das kann eben nur das Ewige selbst sein. Wer wirklich neugeboren werden will, sagt sich: Ich bin ewig. Göttlich ist mein wahres Wesen. Aber jetzt bin ich nur ein Kind, ein Kind Gottes, aber ich soll vollmächtig wie Jesus Christus werden. Er ist der erwachsene, der reife Gott!

Niemals könnten wir die gleichen Taten tun wie er und noch größere, wenn wir nicht die gleiche Grundlage wie er hätten. Niemals könnte er der Erstgeborene unter Brüdern sein, wenn wir nicht von der gleichen Grundlage ausgehen. Niemals könnten wir ihm gleich werden, genauso wenig, wie aus einem Apfelbaum ein Pflaumenbaum werden könnte (Mt. 7, 16-17).

Wir halten also fest: Erst mit den Identifikation mit dem Ewigen gewinnt das Leben des Menschen die Kraft, die Bibel im rechten Licht zu sehen und das Leben richtig zu verstehen. Nur wer sich mit dem Ewigen identifiziert, kann den Heiligen Geist besitzen. Denn „der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes“ (1. Kor. 2,14) weil durch die Identifikation mit dem physischen Leib seine Sinne ganz auf die äußere Sinneswelt gerichtet sind und nicht auf das Unsichtbare, dessen Ergebnis erst der physische Leib ist.

Nur wer die verborgenen und komplexen Zusammenhänge immer mehr erkennen lernt, kann die Bibel richtig auslegen. Was heute unter „Bibelauslegung“ fungiert, ist eine, die wirklichkeitsfremd ist, weil sie eben nicht die Verbindung des Wortes zur Realität aufsucht.

Das Himmelreich ist in Dir

Jesu Reden handelten vom Himmelreich, das „nahe herbei gekommen“ sei (Mt. 4,17) und dessen Wesen er in zahlreichen Gleichnissen erläuterte. Das Himmelreich ist kein äußeres Reich, das von Raum und Zeit abhängt, sondern ein inneres Reich, das auf der Gegenwart Gottes beruht. Das machte Jesus gegenüber den Pharisäern deutlich, die darunter eine äußere Herrschaft verstanden: „Gottes Reich kann man nicht sehen wie ein irdisches Reich. Niemand wird sagen können: ›Hier ist es!‹ oder ›Dort ist es!‹ Denn Gottes Reich ist schon jetzt da – mitten unter euch.“ (Lk. 17,20; HfA)

Und so ist es kein Wunder, dass es auch einige Menschen gab und gibt, die dieses Reich „geschmeckt“ haben. Es sind das die wahren Christen , die sogenannten Mystiker! Gerhard Tersteegen (1697-1769) hielt es gegenüber dem veräußerlichten Christentum für nötig, zu betonen, dass mystisches Leben nichts Neues sei, sondern „das christliche Leben in seiner Schönheit und eigentlichen Gestalt“.

Des Mystikers Sinn ist treffend in Ps. 73, 25 mit den Worten „Wenn ich nur dich habe, so frage ich nicht nach Himmel und Erde“ ausgedrückt. So äußerte Katharina von Genua (1447-1510), „ Ich empfinde eine solche Liebe zu Gott, dass alle Liebe zum Nächsten mir im Vergleich zu jener zu Gott als eine Heuchelei erscheint“. Oder Mme. Guyon (1648-1717) : „Ich liebte Gott mehr als der leidenschaftlichste Liebhaber seine Geliebte… Diese Liebe war so beständig und beschäftigte mich so unablässig und so mächtig, dass ich an nichts anderes zu denken vermochte.“

Auch in unserer heutigen Zeit machen Menschen solche Erfahrungen. Während bei den Genannten die leidenschaftliche Hinwendung zu Gott alles andere verzehrt hatte, ist es bei den folgenden, heutigen Beispielen, die zeitweilige Loslösung von allem Irdischen in der Meditation.

Während der Meditation durchzogen mich so ungeheuer starke elektrische Ströme, dass mein ganzer Körper in Wonne eingetaucht zu sein schien. In Tränen aufgelöst schien ich nicht mehr derselbe zu sein mit dem allzubekannten, begrenzten Ich-Verständnis.” Eine andere Person empfindet im Zustand der Losgelöstheit „eine Liebe, die man, da sie ohne Objekt ist, am besten ‚Liebevollheit‘ nennen kann. Ja, sie ist umso vollkommener sie selbst, wenn sie ohne Objekt ist.“ Das bestätigen zwei nicht voneinander beeinflusste Lehrer aus ihrer persönlichen Erfahrung. „Wahre Loslösung ist eine Liebe selber ohne Objekt und Subjekt.“ Der andere: „Liebe ist keine Beziehung zwischen zwei Personen. Sie ist ein Gemütszustand. Bist du liebevoll, bist du es zu jedermann.“

Der Zustand der Losgelöstheit ist der Zustand der Einheit mit Gott. Deshalb auch diese Seligkeit und bedingungslose Liebe. So konnte auch Tersteegen sprechen, „Ich hab’s erlangt, was ich begehr‘, Mein Beten ist Genießen.“ Doch nur mittels persönlich geübter Disziplin erlangt man die Herrlichkeit des göttlichen Lebens. Angelus Silesius (1624-1677) ruft deshalb die trägen Christen auf,

Ach Fauler, reg dich doch, wie bleibst du immer liegen!

Fürwahr der Himmel wird dir nicht ins Maul reinfliegen!“

Mit Recht heißt es schließlich: „Doch wer im Himmel seines Innern wohnt, zufrieden mit sich selbst, begierdenlos, der ist erhaben über alles Wirken. Er wirkt nicht selbst; für ihn ist nichts zu tun.“ (Bhagavadgita III,17) Oder wie es die Offb. 14,13 sagt: „Glückselig die Toten [d.h. die Sünder, s. Eph. 2,1], die von jetzt an im Herrn sterben! [d.h. in das Ewige hinein] Ja, spricht der Geist, damit sie ruhen von ihren Mühen, denn ihre Werke folgen ihnen nach. [d.h. sie gehen aus der Einheit Gottes mit dem Menschen mühelos hervor].“

Der Leib – Tempel des Heiligen Geistes

Paulus ermahnt die Korinther, sich darauf zu besinnen, dass ihr Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist (1. Kor. 6,19). Wenn das der Fall ist, dann fragt man sich natürlich, weshalb man dann noch krank ist. – Die Antwort darauf kann eigentlich nur lauten: Wir hindern den Heiligen Geist am Wirken! Permanent könnte in unserem Leben Heilsames geschehen, wenn uns nicht anderes viel wichtiger sein würde.

Christen sollte bekannt sein, dass allein die Erbsünde und unsere ganz persönlichen Sünden für alles Leid, das wir erleben, verantwortlich sind. Wenn es uns also gut gehen soll, dann bleibt uns nichts anderes übrig, als unsere Sünden zu erkennen und sie durch Liebe zur Wahrheit aufzulösen (1. Kor. 11,31)! Das geschieht nicht von Heute auf Morgen. Denn es ist ein energetischer Prozess. Der Erfolg tritt dann ein, wenn die Liebe zum Richtigen stärker geworden ist als der energetische Fixpunkt, Kristallisationspunkt, der für das besondere Leid verantwortlich ist.

Hinter allen chronischen oder gar „unheilbaren“ Krankheiten liegt eine tief verwurzelte, also lange vorhandene – und deshalb starke – Fehlhaltung. Es dauert deshalb entsprechend lange, ehe man da frei werden kann. Aber selbst, wenn einem nichts weiter übrig bleibt, als sie zu akzeptieren, sollte man nach ihren geistig-seelischen Ursachen forschen. Denn es sind immer die Vorstellungen und Gedanken, die wir für unser persönliches Leben als wichtig (- und da wieder unterschieden nach dem Grad der jeweiligen Gewichtigkeit – ) ansehen, die unsere Lebensenergie in die entsprechende Richtung lenken.

Nun könnten viele sagen: Nein das ist falsch! Jesus heilt, und ich brauche ihn nur darum zu bitten. Gut, dann sollen es diejenigen tun. Das eine widerspricht ja dem anderen nicht. Nur weshalb wird man heute nicht mit einem Schlag heil, wie damals, als Jesus unter den Menschen weilte? Auch heute noch fährt man zu diesem oder jenem Heiler oder erwartet in einer charismatischen/pfingstlerischen Veranstaltung Sofortheilung. Man beachtet da überhaupt nicht, dass die Heilungen zur Zeit Jesu Zeichen waren. Zeichen einer Vollmacht! Diese Zeichen befreiten den Menschen nicht von den Veranlagungen zu dieser oder jener Krankheit, sondern nur von den Symptomen. Genauso ist es bei allen Heilungen, die von Außen, also durch andere Menschen bewirkt werden, seien es geistige oder ärztliche „Heilungen“. Die Veranlagungen kann nur jeder ganz persönlich ändern. Denn wenn eben die Liebe zu bestimmten Sünden bzw. Fehlhaltungen durch Sorge oder Furcht weiter bestehen, dann treten eben früher oder später die gleichen oder ähnliche Symptome auf. Deshalb sagte auch Jesus: „Sündige nicht mehr“ (Joh. 5,14; 8,11).

Wir sehen also, dass unsere Vorstellungen von einem christlichen Leben oft ganz verkehrt sind und wir deshalb so wenig Gutes erleben!

Alles steht in unserer Hand, da uns alles gegeben ist (2. Petr. 1,3).

Die Leute sagen oft zu mir: ‚Bittet für mich!‘ Dann denke ich: ‚Warum geht ihr aus? Warum bleibt ihr nicht in euch selbst und greift in euer eigenes Gut? Ihr tragt doch alle Wahrheit wesenhaft in euch.‘“ (Meister Eckhart, 1260–1328)

Der Geist weht, wo er will

Vor einigen Tagen bekam ich überraschend von Amazon ein Buch zugeschickt. Es handelt sich um die neuesten „Gespräche mit Gott“ von N. D. Walsch mit dem Untertitel „Das Erwachen der Menschheit“. Der Absender meinte, es habe ihn an meine Hauptthese erinnert. Diese besteht ja, wie jeder meiner Blog-Leser wissen kann, darin, dass wir uns selbst als ewige, göttliche Wesen bewusst werden müssten, damit alle Probleme gelöst würden. Genau das verkündet auch Walsch!

Das freut mich deshalb besonders, weil es sehr frustrierend ist, immer wieder zu erleben, wie das eigene Wirken im Willen Gottes so wenig äusseren Erfolg zeigt. Da wird von uns Christen immer wieder gejammert über den schlechten Zustand der Welt und den Abfall der Kirchen vom „Wort Gottes“. Aber anstatt selbst zu erwachen, redet man immer nur gedankenlos in christlichen Stereotypen. So kann man aber weder sich selbst, noch der Welt helfen.

Da ist es eben ermutigend zu sehen, dass Gott mehr Möglichkeiten hat, als über Organisationen, die Bibel und derer, die sich allein für befugt halten, das Evangelium zu verkündigen, zu wirken. Sonst müsste man langsam tatsächlich verzweifeln. Nicht über die Welt, aber über die Mitbrüder und -schwestern.

In die gleiche Richtung geht, dass mir dieses Jahr durch einen Fund auf der Straße zwei neuwertige, dicke philosophische Bücher in die Hände gerieten. Ich fasste das so auf, dass es nun „dran“ wäre, mich etwas eingehender mit Philosophie zu befassen. Was für eine Überraschung erlebte ich auch da! Viele Erkenntnisse, die ich auf meinem Glaubens- und Heiligungsweg erlangen konnte, fand ich bereits bei Kant, Schelling, Hegel, Fichte oder Schopenhauer ausgesprochen. Da kann man sich nur wundern, wie platt es trotz dieser Geistesgrößen in Theologie und Verkündigung zugeht.

Für mich steht es schon lange fest, dass Gott sich nicht in zwei Buchdeckel einklemmen lässt und seitdem schweigt. Das Wesentliche ist, dass wir selbst die Wahrheit erkennen können und sollen (Jo 8,32; Eph 4,13; Phil 1,9; Kol 2,2-3; 2. Petr 1,5 u.a.). Denn nur wenn es keine Erkenntnisgrenzen gibt, kann es Fortschritt geben. Einen Beweis dafür stelle ich auch selbst dar. Wenn Menschen von unterschiedlichen Ausgangspunkten zu übereinstimmenden Ergebnissen kommen, dann muss an der jeweiligen Sache, wie man volkstümlich sagt, etwas dran sein.

Der Hl. Geist und die Wahrheit

Alle Christen behaupten ja den Hl. Geist empfangen zu haben, auch wenn dieser „Empfang“ sich nicht als übersinnliches Geschehen manifestierte. Trotzdem herrscht unter ihnen eine Streitlust, die kaum eine Bibelstelle unangetastet lässt und oft genug dem anderen das Christsein abspricht. Das ist bei denen, die eine „besondere Salbung“ empfangen haben wollen (Pfingstler, Charismatiker usw.), nicht anders. Wenn es wahr sein sollte, dass wir den „Geist der Wahrheit“ haben, der uns in „alle Wahrheit leiten“ will (Jo 16,13), dann stellt dergleichen eigentlich eine Unmöglichkeit dar.
Wir müssen gar nicht darüber diskutieren, ob wir den Hl. Geist empfangen haben oder nicht. Der Hl. Geist kann nichts bewirken, wenn wir an der Wahrheit kein wirkliches Interesse haben. Das ist in der Regel bei den meisten Menschen der Fall.* Das ändert sich auch nicht sogleich, wenn man sich für den Glauben entschieden hat. Da kann man sogar, um vermeintliche Glaubenswahrheiten zu retten, blind gegenüber anderen Wahrheiten werden.

Wer an bestimmten Wahrheiten ein Interesse hat, wird auch immer mehr Wahrheiten erkennen, die damit in Zusammenhang stehen. Erkenntnis der Wahrheit ist kein geheimnisvolles Geschehen, sondern das einfache Zusammenschauen zweier oder mehrerer Tatbestände. Durch ein solches Vergleichen erkennt man, was sie gemeinsam haben und was sie trennt. Ein profanes Beispiel dafür: Wenn ich einen Apfel und eine Birne vor mir habe und in sie hineinbeiße, kann ich feststellen, dass sie eßbar sind, und in dieser Hinsicht etwas gemeinsam haben. Der Geschmack und das Äußere unterscheiden sie. Damit habe ich schon einige Wahrheiten erkannt. Sehe ich nun beide in der Natur, dann stelle ich fest, dass es Baumfrüchte sind. Vergleiche ich Bäume untereinander, erkenne ich, dass es davon die verschiedensten Arten gibt, usw.

Erkenntnis der Wahrheit ist etwas, das im profanen Bereich ganz natürlich geschieht. Trotzdem kann man sagen, dass die Menschen die Wahrheit nicht an sich lieben, sondern nur insoweit, wie sie zur Verfolgung persönlicher Ziele nützlich ist. Ein Börsenmakler wird deshalb viel über Finanzen wissen, von denen ein Kleingärtner gar nichts versteht, und umgekehrt.
Im christlichen Glauben aber geht es, wie in der Philosophie oder auch der Wissenschaft, um die ganz großen Fragen, nämlich das, was „die Welt im Innersten zusammenhält“ (Faust). Darüber, mit Verlaub, möchte man mit keiner Hausfrau diskutieren.

Ist nun Wahrheit demzufolge nur etwas für „große Geister“? – Ja und Nein, denn jeder große Geist hat einmal klein angefangen.

Das Grundproblem des Menschen empfindet jeder: Es ist der Tod und das Leiden. Die Bibel, als Dokument eines historischen Geschehens verweist auf eine Antwort darauf: Jesu Auferstehung. Nimmt man sie als Faktum, dann würde das mit logischer Konsequenz implizieren, dass es außer dem Materiellen Geistiges gibt, und dieses grundsätzlich übergeordnet ist.

Von diesem Geistigen, wenn es denn tatsächlich existiert, kann ich aber nicht nur aus der Bibel wissen, sondern muss ich als Mensch unmittelbare Gewißheit erlangen können. Denn ich muss im Wesentlichen gleicher Beschaffenheit wie Jesus sein, wenn für mich oder irgendeinen anderen Menschen Jesu Auferstehung eine Bedeutung haben sollte.

Da die Bibel keine Darstellung komplexer Zusammenhänge bietet, aber jede Wahrheit mit anderen Wahrheiten zusammenhängt, ist offensichtlich, dass „biblische Wahrheiten“ ihre mögliche Evidenz nur durch außerbiblische Wahrheiten erlangen können. Auch die Inhalte der Bibel sind nur „Stückwerk“. Ein „sola sciptura“ kann deshalb nur geistliche Unfruchtbarkeit bedeuten.

Nun haben wir ja heute nicht nur viele naturwissenschaftliche Wahrheiten erkannt, sonder auch eine Fülle an empirischen Daten, deren Auswertung ein recht deutliches Bild über den Zusammenhang von Geistigem und Materiellem und dem Leben nach dem Tod ergeben könnte. Alles das darf nicht, wenn man wahrhaftig sein will, zugunsten liebgewordener traditioneller Vorstellungen ignoriert oder zurechtgebogen werden.

Als Letztes: Alle Wahrheiten ergänzen und beleuchten sich gegenseitig. Unwahr ist alles was unlogisch ist.

Nicht der Glaube macht uns frei, sondern allein die Wahrheit (Jo 8,32). Deshalb ist ihr Fehlen im Leben von uns so verhängnisvoll und der christliche Glaube für viele ein Spott!

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* „Nie haben die Massen nach Wahrheit gedürstet. Von den Tatsachen, die ihnen missfallen, wenden sie sich ab und ziehen es vor, den Irrtum zu vergöttern, wenn er sie zu verführen vermag. Wer sie zu täuschen versteht, wird leicht ihr Herr, wer sie aufzuklären sucht, stets ihr Opfer.“ Gustave Le Bon (1841 – 1931), franz. Arzt und Soziologe, Begründer der Massenpsychologie