Die Logik der Erlösung

Die Grundlage von allem

Im Februar 2014 las ich mein erstes und bisher einziges Werk des Philosophen Johann Gottlieb Fichte (*19. Mai 1762; †29. Januar 1814) mit dem Titel Die Anweisung zum seligen Leben oder auch die Religionslehre“(1806). Seine Darlegung der Lehre erscheint heute etwas umständlich und die Sprache recht antiquiert. Trotzdem lohnt es sich, seinen Gedanken, wie ich sie hier auszugsweise wiedergebe, zu folgen, da sie eindeutig belegen, dass Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit fähig sind.

Mir selbst wurde Jahre vor dieser Lektüre klar, dass das Leben an sich der Ursprung aller Dinge ist. Das Leben ist natürlich unpersönlich, hat aber die Tendenz zur Bewusstwerdung und damit zur Bildung von Bewusstseinszentren. Ein persönlicher Gott ist deshalb ein Wesen, in dem sich das Leben seiner selbst als Leben bewusst geworden ist. Er ist also erst ein Produkt des Lebens.

Nur das unpersönliche Leben ist allgegenwärtig und ewig.

Diese Wahrheit hatte auch schon Fichte erkannt und ebenso den einzigen Weg zur Glückseligkeit, den „schmalen Weg“ (Mt 7,14). Aber lassen wir ihn selbst zu Wort kommen.

Fichte setzt Sein und Leben gleich: Sein, sage ich, und Leben ist … Eins und dasselbe. Nur das Leben vermag, selbstständig, von sich und durch sich selber, dazusein.“

Das Leben wird damit als ewig definiert. Der Tod lediglich als etwas, das auf der Grundlage des Lebens erwachsen kann:so wie Sein und Leben Eins ist und dasselbe, ebenso ist Tod und Nichtsein Eins und dasselbe. Einen reinen Tod aber und reines Nichtsein gibt es nicht.“

Fichte sieht also das Leben an sich als die Grundlage, den Ursprung aller Dinge an. Aus ihm hat sich alles Raum-Zeitliche, also das Vergängliche, dem „Tod“ Zustrebende entwickelt.

Fragt man nun, was vor dem von der Wissenschaft postulierten Urknall war, dann lautet die Antwort : davor war das Leben!

Der „Tod“ ist also nur etwas Scheinbares:Einen reinen Tod aber und reines Nichtsein gibt es nicht, wie schon oben erinnert worden. Wohl aber gibt es einen Schein, und dieser ist die Mischung des Lebens und des Todes, des Seins und des Nichtseins.“

Fichte führt nun nicht aus, wie es zu einer solchen Vermischung von Sein und Nichtsein kommt. Deshalb möchte ich das aus meinen Erkenntnissen ergänzen.

Aus der Betrachtung des organischen Lebens wird deutlich, dass das Leben unaufhörliche Bewegung ist. Außerdem wissen wir, dass das Leben irritabel ist und damit die Tendenz zur Bewusstwerdung seiner selbst besitzt. Diese ewige Prozesshaftigkeit muss folglich Schöpfungen zum „Zweck“ der Bewusstwerdung des Lebens hervorbringen. Also das Raum-Zeitliche. Aber in jeder solchen Schöpfung/Begrenzung ist wieder das ursprüngliche sich seiner selbst unbewusste Leben tätig, und zwar – wie könne es auch anders sein? – mit der gleichen Tendenz!

Wir sehen deshalb ausgehend vom rein Mineralischen, also dem Stein, eine aufsteigende Linie der Bewusstwerdung des Lebens über Pflanze und Tier zum Menschen hin. Natürlich nur dadurch, dass es sich zunächst mit seiner Lebensform identifizierte. Da die Formen aber selbst vergänglich sind, zittert in ihnen das Leben um seiner selbst vor einem vermeintlichen Nichtsein. Dass dieses nur die Formen betrifft, kann es nur im Menschen begreifen, und da nur in denen, die in der Lage sind, tief genug zu reflektieren. Solange also das Leben sich mit der ihm jeweils eigenen Lebensform identifiziert, ist es gehindert, sich seiner selbst als (ewiges) Leben bewusst werden zu können. Vielmehr ist es mit den sie umgebenden Lebensformen beschäftigt, nämlich inwieweit diese ihm nützlich oder schädlich sein könnten. Das Leben ist sich da also seiner selbst entfremdet, ist nicht bei sich.

Die einzige Möglichkeit, wie der Mensch glücklich werden kann

Demzufolge kann der Mensch, der seine Befriedigung noch in den Objekten des Daseins sucht, niemals wahrhaft glücklich werden. „Der Grund alles Elendes unter den Menschen ist ihre Zerstreutheit in dem Mannigfaltigen und Wandelbaren;“

Was ein solcher Mensch „Leben“ nennt, ist deshalb nur ein Scheinleben. „ Das blosse Scheinleben [ist] versucht zu lieben…das Vergängliche in seiner Vergänglichkeit.

Das Scheinleben lebt nur in dem Veränderlichen, und bleibt darum in keinen zwei sich folgenden Augenblicken sich selber gleich; jeder künftige Moment verschlingt und verzehrt den vorhergegangenen; und so wird das Scheinleben zu einem ununterbrochenen Sterben, und lebt nur sterbend, und im Sterben“ [ vgl. Eph. 2.1,5; Kol 2,13; 1. Tim 5,6].

Sonach ist der Zustand des Seligwerdens die Zurückziehung unserer Liebe aus dem Mannigfaltigen auf das Eine.“ Das geschieht mittels der Liebe zum Ewigen.

Die einzige und absolute Bedingung des seligen Lebens sei die Erfassung des Einen und Ewigen mit inniger Liebe und Genuss“ [vgl. Mk 12,30].

Erst durch solche Konzentration wird der Mensch „kernig“, stark.

Alle innere geistige Energie erscheint im unmittelbaren Bewusstsein derselben, als ein sich Zusammennehmen, Erfassen und Kontrahieren seines ehedem zerstreuten Geistes in Einen Punkt, und als ein sich Festhalten in diesem Einheitspunkt gegen das stets fortdauernde natürliche Bestreben, diese Kontraktion aufzugeben, und sich wiederum auszudehnen. Also, sage ich, erscheint schlechthin alle innere Energie; und nur in diesem sich Zusammennehmen ist der Mensch selbstständig, und fühlt sich selbstständig. Ausser diesem Zustand der Selbstkontraktion verfliesst er eben und zerfliesst, und zwar keinesweges so, wie er will und sich macht (denn alles sich machen ist das Gegenteil des Zerfliessens, die Kontraktion), sondern so wie er eben wird, und das gesetzlose und unbegreifliche Ohngefähr ihn gibt. Er hat demnach in diesem letzteren Zustand gar keine Selbstständigkeit, er existiert gar nicht als ein für sich bestehendes Reales, sondern bloss als eine flüchtige Naturbegebenheit. Kurz, das ursprüngliche Bild der geistigen Selbstständigkeit ist im Bewusstsein ein ewig sich machender und lebendigst sich haltender, geometrischer Punkt: das ebenso ursprüngliche Bild der Unselbstständigkeit und des geistigen Nichtseins, eine unbestimmt sich ergiessende Fläche. Die Selbstständigkeit kehrt der Welt eine Spitze zu; die Unselbstständigkeit eine stumpf ausgebreitete Fläche.

In dem ersten Zustande allein ist Kraft und Selbstgefühl der Kraft; darum ist auch nur in ihm eine kräftige und energische Auffassung und Durchdringung der Welt möglich.“

Jesus drückte diese Wahrheit so aus: „wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut.“ (Mt 12,30)

Dieses Anhaften am Ewigen, des Leben an sich, ist folglich der Mittelpunkt des erwachten Menschen. Es ist das Aufhören der Identifikation des Lebens mit der Form. Nun da sich das Leben im Menschen selbst erkannt hat, ist es die Identifizierung des Lebens mit sich selbst. Wie Jesus kann ein solcher Mensch (sich) sagen: „Ich bin das Leben“ (Jo 14,6). Nicht mehr und nicht weniger! Das Leben ist Nichts im Sinne von Gestaltung, aber damit Alles, da es die große Offenheit, die absolute Freiheit ist. Während eben jede Form Beschränkung darstellt.

Deshalb fasst Fichte die Weisheit, die ein jeder Mystiker kennt, in die Worte „Solange der Mensch noch etwas für sich selbst sein will, kann das wahre Sein und Leben in ihm sich nicht entwickeln, und er bleibt eben darum auch der Seligkeit unzugänglich; denn alles eigene Sein ist nur Nichtsein und Beschränkung des wahren Seins; und eben darum, entweder auf dem ersten Standpunkt der Sinnlichkeit, die ihr Glück von den Objekten erwartet, lauter Unseligkeit, da durchaus kein Objekt den Menschen befriedigen kann.“

Falsche Erwartungen der Gläubigen

Aus dieser Wahrheit heraus beleuchtet er auch die weitverbreiteten aber deshalb nicht weniger falschen Vorstellungen eines ewig seligen Lebens nach dem Tod, wie es angeblich der Gläubige erwarten könne.

Es hilft auch nichts, dass man diese Glückseligkeit recht weit aus den Augen bringe und sie in eine andere Welt jenseits des Grabes verlege; wo man mit leichterer Mühe die Begriffe entwirren zu können glaubt. Was ihr über diesen euren Himmel auch sagen (…) mögt: so beweiset doch schon der einzige Umstand, dass ihr ihn von der Zeit abhängig macht und ihn in eine andere Welt verlegt, unwidersprechlich, dass er ein Himmel des sinnlichen Genusses ist. Hier ist der Himmel nicht, sagt ihr: jenseits aber wird er sein. Ich bitte euch: was ist denn dasjenige, das jenseits anders sein kann, als es hier ist? Offenbar nur die objektive Beschaffenheit der Welt, als der Umgebung unseres Daseins Die objektive Beschaffenheit der gegenwärtigen Welt demnach müsste es eurer Meinung zufolge sein, welche dieselbe untauglich macht zum Himmel, und die objektive Beschaffenheit der zukünftigen das, was sie dazu tauglich macht; und so könnt ihr es denn gar nicht weiter verhehlen, dass eure Seligkeit von der Umgebung abhängt, und folglich ein sinnlicher Genuss ist. Suchtet ihr die Seligkeit da, wo sie allein zu finden ist, rein in Gott und darin, dass er heraustrete, keinesweges aber in der zufälligen Gestalt, in der er heraustrete; so brauchtet ihr euch nicht auf ein anderes Leben zu verweisen: denn Gott ist schon heute, wie er sein wird, in alle Ewigkeit.“

Der Erlöste

Wer wirklich glücklich werden will, wendet also seinen Blick vom Äußeren aufs Innere. Der sich mit dem Ewigen Identifizierende kennt „keine Furcht über die Zukunft, denn ihn führt das absolut Selige ewig fort derselben entgegen; keine Reue über das Vergangene, denn inwiefern er nicht in Gott war, war er nichts, und dies ist nun vorbei, und erst seit seiner Einkehr in die Gottheit ist er zum Leben geboren; inwiefern er aber in Gott war, ist recht und gut, was er gethan hat. Er hat nie etwas sich zu versagen, oder sich nach etwas zu sehnen, denn er besitzt immer und ewig die ganze Fülle alles dessen, das er zu fassen vermag. Für ihn ist Arbeit und Anstrengung verschwunden, seine ganze Erscheinung fliesst lieblich und leicht aus seinem Innern, und löst sich ab von ihm ohne Mühe. Er ist „des Schmerzes, der Mühe, der Entbehrung frei.“ „Worin seine Seligkeit selbst positiv bestehe, lässt sich [allerdings] nicht beschreiben, sondern nur unmittelbar fühlen.“

Advertisements

Das Glück ist jetzt

Die revolutionärste Tat, die ein Mensch auf dieser Welt begehen kann, ist Glücklichsein.“  Hunter „Patch“ Adams

 

Ich bekenne: ich bin glücklich! Es ist auch nichts leichter als das, denn das Glück kennt keine Bedingungen. Man kann es also sofort haben. Deshalb ist es aber auch nicht so leicht, glücklich zu sein. Ein scheinbares Paradox, das sich eben aus unserer gewohnten Vorstellung ergibt, alles sei an etwas geknüpft. Wir denken, erst müssten wir einen richtigen Beruf haben. Dann, die richtige Frau, den richtigen Mann. Dann wieder dies und jenes. So bleibt das Glück immer in unerreichbarer Ferne.

Wir denken, um glücklich sein zu können, müssten wir erst etwas tun, das keinen Spaß macht, und dann winke, gleichsam als Belohnung, das Glück.

Unser Glück wächst, wenn wir das Glück bereits haben. Glück erzeugt Glück. Unlust erzeugt Unlust. So funktionierts. Das sind die Gesetzmässigkeiten*. Und wenn Du denkst, in der Zukunft könne etwas passieren, das dich unglücklich machen könnte, dann holst Du mit dieser Befürchtung bereits das Unglück in die Gegenwart hinein. Nein, nie kann Dir etwas zustoßen, das Dich unglücklich machen könnte. Bleibe einfach im Glück, Du musst nichts anderes unternehmen als im Glück zu bleiben, es zu genießen.

Das Glück ist unser natürlicher Zustand. In uns selbst sprudelt die Quelle der Freude. Diese Erfahrung machen wir als kleine Kinder, doch dann werden wir konditioniert, um in dieser Gesellschaft zu funktionieren, und schon ist`s vorbei mit unbefangenem Glücklichsein. Fortan wird unser Glück, ohne das wir es merken, an Bedingungen geküpft. Deshalb gibt es nur eines: den gordischen Knoten durchzuhauen.

Das geschieht, indem wir uns bewusst werden, dass wir ewige Wesen und damit frei und unabhängig von allen Bedingungen sind. Nun können wir alle Schatten der Vergangenheit besiegen, da wir eins mit der Quelle alles Guten sind und es außerhalb dieser Quelle nichts Erstrebenswertes gibt. Wir werden wieder frei von allen Konditionierungen.

Also setze das Glück an die erste Stelle. Denn alles Streben des Menschen hat nur dieses eine Ziel. Der Glücksforscher Barry Kaufman sagte: „Wir verschwenden Energie, wenn wir glauben, wir kämen durch äußere Veränderungen oder Verbesserungen dem Glück näher. Wir können dem Glück nicht näher kommen. Denn es ist schon da. Und dass wir das sehen, ist die einzig notwendige Veränderung. Wir können erkennen, dass wir in jedem Moment glücklich sein können, egal wie die Umstände sind.“

In tiefster Depression

Als ich in tiefsten Depressionen steckte, sagte ich mir, dass ich glücklich sei. Das schien der reinste Hohn. Jede Minute wurde mir das Gegenteil bewiesen. Was flehte ich doch zu Gott, mich aus meinem Elend zu reißen. Aber nichts geschah. Keinerlei Hilfe außer der, dass ich einfach an der Wahrheit bleiben musste, dass ich glücklich bin.

Dass diese Wahrheit zum Erfolg führt, dafür bin ich das beste Beispiel. Die Depressionen sind längst hinter mir und ich weiß, mich wird auch nie wieder eine treffen. Heute bin ich glücklich. Das kann ich wirklich bezeugen.

Aber der Weg war schwer. Die tagtäglichen Anfechtungen, die aus meiner Gemütslage kamen, konnten nur überwunden werden, indem die Wahrheit, dass ich schon glücklich sei, durch viele andere Wahrheiten, die ich in meinem Lebenskampf erkennen durfte, gestärkt wurde. Noch einmal Barry Kaufman: „Solange wir unser Glück in der Veränderung der äußeren Umstände suchen, werden wir nicht zufrieden sein. Nach jeder Wunscherfüllung werden wir bald wieder den Eindruck haben, dass etwas fehlt. Aber es fehlt nichts. Und nichts hindert uns am Glück außer unseren Denkgewohnheiten.“

Kevin Smith, Professor am New England Research Institute kam nach der Untersuchung des Glücksgefühls bei Menschen, die durch Krankheiten, Unfälle oder Schicksalsschläge aus ihrem gewohnten Dasein gerissen wurden, zum Ergebnis: „Sie suchen das Glück nicht mehr außen, sie finden es innen. Wie von selbst meldet es sich, wenn die äußeren Ziele unwichtig werden.“ Deshalb sind Mystiker, deren Aufmerksamkeit allein Gott gilt, die glücklichsten Menschen.

*„Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat.“ (Mt. 25,29) In der Soziologie wird diese Gesetzmässigkeit der „Matthäus-Effekt“ genannt.

Wahrer Friede

Das Himmelreich ist die Frucht des Geistes und wird u.a. durch Herzensfrieden konstituiert. Wir kommen also dem Himmelreich immer näher, je tiefer die innere Ruhe und der innere Frieden werden. Nun hat man, besonders als junger Mensch, überhaupt noch kein Bedürfnis nach Ruhe und Frieden. Es strebt alles nach Aktivität, man will etwas erleben, man will „Action“. Wenn dann doch einmal sich eine solche Sehnsucht meldet, meint man vielleicht, Gott könne einen damit beschenken. So, wie jemand, der um Hilfe bat: „Ich bin seit klein auf überzeugter Christ. Ich habe Gott schon in äußeren Umständen erlebt, aber noch nie innerlich.
Ich wünsch´ mir so sehnlichst eine “ innere Begegnung “ mit ihm.
Wenn ich z.B. vor Sorgen umkomme, oder traurig bin, oder auch mal Depressionen hatte, hab ich zu Gott gebetet und geschrien, dass er mir doch seinen inneren Frieden zukommen lässt ,d.h. dass ich diesen göttlichen Frieden von dem die Bibel schreibt, etwas erlebe. (…) Ich erwarte nicht, dass Gott meine Umstände ändert, sondern mir einfach seinen inneren Frieden und Ruhe schenkt.“

Ein solcher Wunsch kann natürlich nur in Erfüllung gehen, wenn eine innere Wandlung stattfindet, die jeder nur selbst vollziehen kann. Da dergleichen kaum gelehrt wird, musste naturgemäß jener Mann, wie viele andere, eine herbe Enttäuschung erleben. Er fährt fort: „Aber nach meinen Gebeten bin ich genauso aufgewühlt wie vorher. Es tobt ein Sturm in mir.“

Immerhin ist ihm bewusst geworden, dass sein Glaube – wieder wie bei vielen Christen – nur ein wirkungsloses Fürwahrhalten ist. „Mein Glaube findet leider nur im Kopf und nicht im Herzen statt, dabei wünsch ich mir nichts mehr als dass er ins Herz übergeht.“ Ruhe und Frieden sind nichts, das mit einem „Hauruck“ erlangt werden könnte! Jesus selbst zeigte den Weg auf, der darin besteht von ihm zu lernen: „lernt von mir!“ Eine solche Aufforderung würde aber völlig unsinnig sein, wenn wir nicht von der gleichen Voraussetzung ausgehen könnten, von der Jesus ausgegangen ist. Mit anderen Worten: Wenn Jesus grundsätzlich eine andere Natur hatte als jeder von uns, also nicht bloß Mensch war, dann können wir von ihm überhaupt nichts lernen. Wir können von ihm nur lernen, wenn wir im Wesen völlig mit ihm übereinstimmen, wir also in gleicher Weise göttlicher Natur sind. Und das ist der Fall (s. „Erwachsen werden“, „Die größte Befreiungsaktion aller Zeiten“).

Nur so können wir auf ein sich Durchsetzen in der äusseren Welt, auf einen Platz in ihr zu erobern, verzichten, wir können „sanftmütig und von Herzen demütig“ werden, weil wir wissen, dass uns nichts und niemand etwas rauben oder uns einen Schaden zufügen kann. So finden wir immer mehr Ruhe für unsere Seele (Mt. 11,28)

Ruhe und Frieden sind Passiva. Sie sind Ausdruck dafür, dass es nichts zu tun gibt, alles in Ordnung ist, wie es läuft. Sie sind das große Einverstandensein.

In der Tat gibt es seit der Erlösung vor 2000 Jahren für die Menschen nichts mehr zu tun. Das einzige Tun sollte darin bestehen, mit dieser Tatsache in Einklang zu kommen. Das allerdings ist, weil es der natürliche Mensch nicht sehen kann, ein Kampf. Aber die höchste Ebene des Kampfes ist es, nicht zu kämpfen. Kurz: Lass alles Äussere und alles, was sich darauf bezieht los. Entspanne Dich!

Zum Schluss noch einige Worte derer, die etwas von der Ruhe und dem Frieden geschmeckt haben:

„Die meisten Menschen wissen nichts vom inneren Menschen und setzen ihre ganze Frömmigkeit in äussere Werke. Sie schwatzen lieber, als dass sie stillschweigen. Sie reden lieber, als dass sie hören; daher bleiben ihnen auch die drei Haupttugenden der Gelassenheit, der Ledigkeit (da sie von allem los und ledig sind) und die Unanmasslichkeit (da sie sich von allen Gaben Gottes nichts zuschreiben, sondern sie als unverdiente Gnade ansehen) ganz fremd, und sie gelangen nicht zu dem Frieden Gottes, der über alle Vernunft erhaben ist.“ (Johannes Tauler)

„Die Ungestorbenheit unseres eigenen Willens ist eine Hauptursache unserer inneren Unruhe; und die gründliche Willenlosigkeit in allen Dingen der kürzeste Weg zum beständigen Frieden der Seele.“(Gerhard Tersteegen)

„Manchmal haben wir die Kraft, “Ja” zum Leben zu sagen. Dann kehrt Frieden in uns ein und macht uns ganz.“ (Ralph Waldo Emerson)

„Du kannst Dir inneren Frieden und Glückseligkeit nicht herstellen. Sie sind deine wahre Natur. Sie bleiben übrig, wenn Du all das aufgibst, was Dich leiden lässt.“ (Buddha)

Lassen wir uns aber auch der Worte Nietzsches eingedenk sein:

„Aus Mangel an Ruhe läuft unsere Zivilisation in eine neue Barbarei aus. Zu keiner Zeit haben die Tätigen, das heißt die Ruhelosen, mehr gegolten. Es gehört deshalb zu den notwendigen Korrekturen, welche man am Charakter der Menschheit vornehmen muss, das beschauliche Element in großem Maße zu verstärken. Doch hat schon jeder Einzelne, welcher in Herz und Kopf ruhig und stetig ist, das Recht zu glauben, dass er nicht nur ein gutes Temperament, sondern eine allgemein nützliche Tugend besitze und durch die Bewahrung dieser Tugend sogar eine höhere Aufgabe erfülle.“

 

 

 

Kennen wir den „schmalen Weg“?

Christen wollen in der Ewigkeit bei Gott sein. Die Hölle bezeichnen sie als Gottferne. Doch weshalb will man erst nach dem Tod, mit dem, ihrer Meinung nach, die Ewigkeit beginne, bei Gott sein? Ist Gott nicht allgegenwärtig, also auch im Hier und Jetzt?

Paulus schreibt: „In ihm leben, weben und sind wir.“ (Apg 17,28). Was hindert uns also jetzt bei ihm zu sein? – Der Schlüssel liegt darin: „Wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz.“ (Mt 6,21). Wir lieben nur das, was uns wichtig ist. Dort sind wir mit unseren Gefühlen und Gedanken. Jeder kennt das aus den Zeiten des Verliebtseins. Liebende sind sich immer nahe, auch wenn sie geografisch getrennt sind. Sie sind sich immer Erfüllung. Nichts anderes kann diesen Platz einnehmen. Es gibt für sie kein größeres Glück. Keine Alternative. Alles dreht sich nur um dieses eine Zentrum.

Der Prüfstein unserer Liebe

Nehmen wir dagegen Judas. Er war Jesus ganz nahe – und doch so fern! Äusserlich können auch wir Gott nahe sein. Wir beschäftigen uns vielleicht täglich mit seinem Wort. Aber da ist kein Glück, keine Erfüllung. Es lässt uns kalt und unbefriedigt zurück. Wollen wir behaupten, wir seien Gott nahe? Wir müssen nur auf unsere Gefühle achten, dann wissen wir auch, was uns ganz persönlich wichtig ist. Woran denke ich gern? Woran am liebsten? Da also ist unser Herz, unser Schatz.

Worin das Leid besteht

Menschen wundern sich immer über das vielfältige Leid, das ihnen begegnet. Ja, wie sollten wir denn nicht leiden, wenn wir das Vergängliche, das Veränderliche, das Räumlich – Getrennte lieben? Entweder haben wir dann, was wir nicht haben wollen oder besitzen nicht, was wir besitzen wollen. Wir haben erlangt, was wir wollten – aber es wird uns wieder genommen. Durch solche Wechselbäder der Gefühle kann der Mensch nicht nur seelisch erkranken, sondern auch physisch. Und doch hängen wir immer weiter an Menschen und Dingen. So können wir jedenfalls keineswegs dauerhaft glücklich und heil werden. Im Gegenteil, durch die Häufung negativer Erfahrungen kommen wir der Hölle immer näher. Die Hölle ist ja, wie der Himmel, kein Ort, sondern ein seelischer Zustand. Deshalb sagt Johannes: „Habt nicht lieb die Welt, noch was in ihr ist.“ (1. Jo 2,15) Denn die Liebe zum Innerweltlichen trennt uns vom ewigen Glück, von Gott.

Der Weg zum Glück

Wir Menschen wollen nichts anderes, als dass es uns wohlgeht, dass wir glücklich sind. Das ist der einzige Grund, weshalb wir so viel Mühe auf uns nehmen. Aber es ist alles vergebliche Mühe, wenn wir das Glück nicht dort suchen, wo es zu finden ist: im Ewigen!

Nur das, was ewig ist, kann uns, da dieses allein Kontinuität besitzt, ewig glücklich machen. Und da wir außer dem Ewigen letzten Endes nichts mehr bedürfen, auch dauerhaft heil nach Geist, Seele und Leib.

Wer das begriffen hat, zieht immer mehr seine Aufmerksamkeit von den Dingen dieser Welt zurück. Er kommt aus der Zerstreuung in die Sammlung (Mt 12,30; 23,37). Aus der Betriebsamkeit in die Kontemplation und Meditation. Er verweilt gern und lange in der Stille, denn in ihr erlebt er Gott. Er hat es nicht mehr nötig, hierhin und dahin zu hetzen. Er erlebt das Heil.

Abraham Maslow, ein bedeutender Psychologe, fragte sich, was psychisch besonders gesunde Menschen auszeichne. Dabei stieß er auf eine ganz überraschende und für einen Agnostiker, wie er einer war, kaum akzeptable Tatsache. Psychisch ganz besonders gesunde Menschen tendieren zu „mystischen Erfahrungen“! Er schreibt: „Der Himmel ist überall um uns herum, steht im Prinzip immer zur Verfügung.“

Der „schmale Weg“ ist also der Weg der liebenden Vereinigung mit dem Urgrund alles Seins, den wir Gott nennen. Und wie ein Weg die Vorstellung von einem Beginn und einem Ziel beinhaltet, so beginnen tausend Schritte mit dem ersten. Dem Ziel kommen wir durch immer intensivere Liebe zum Ewigen näher.

Zweierlei Christen

Offb. 11,1-2 „Und es wurde mir ein Rohr gegeben, einem Messstab gleich, und mir wurde gesagt: Steh auf und miss den Tempel Gottes und den Altar und die dort anbeten.

Aber den äußeren Vorhof des Tempels lass weg und miss ihn nicht, denn er ist den Heiden gegeben; und die heilige Stadt werden sie zertreten zweiundvierzig Monate lang.“

Der Tempel von dem die Offenbarung spricht, ist, wie alle jüdischen Tempel, eingeteilt in Vorhof, Heiligtum und Allerheiligstes. Das Heiligtum ist ein geschlossener Raum, in dem der siebenarmige Leuchter und die Schaubrote sich befinden. Der Leuchter ist ein Symbol für die sieben Geister Gottes. Mit anderen Worten: Das Heiligtum ist ein Abbild der unsichtbaren Welten, in denen man nur mit den Augen des Geistes schauen und erkennen kann.

Hier befindet sich die geistige Nahrung, die den Menschen geistlich wachsen lässt.

Das Allerheiligste ist völlig dunkel, und damit ein Abbild des ewigen Seins, das keine Gestaltung aufweist und aus dem alles, was ist, entstanden ist und entstehen wird.

Der Vorhof entspricht der sinnlichen Welt, also der äußeren Welt.

Als Christen ist es unsere Aufgabe, von der äusseren Welt in die inneren Welten einzugehen, denn der Vorhof wird zertreten werden.

Man wird erinnert an Matth. 5,13, wo es heißt: Ihr seid das Salz der Erde; wenn aber das Salz fade geworden ist, womit soll es gesalzen werden? Es taugt zu nichts mehr, als hinausgeworfen und von den Menschen zertreten zu werden.“

Da unser Blick ganz natürlich auf das Sinnlich-Sichtbare, Sinnlich-Hörbare gerichtet ist, muss uns das Geistige auch in dieser Welt begegnen. Das geschieht zum Beispiel durch die Bibel, das geschriebene Wort. In ihr wird uns berichtet, wie Gott, mittels seiner Engel (Apg. 7,38)  und zuletzt durch Jesus Christus Heilsgeschichte schrieb.

Es geht also nicht nur um eine äussere Information über das Heilsgeschehen, über Gott, die Beschäftigung mit der Bibel, sondern das Ziel ist, dass diese äussere Beschäftigung mit dem „Wort Gottes“ zur Öffnung unseres inneren Erkenntnisvermögens und zu einem Erleben der vielfältigen Hilfe Gottes führt.

Aber die meisten Christen sind wohl Vorhofschristen. Sie sind ständig mit ihren eigenen irdischen Belangen beschäftigt. Beten zwar kurz um diese oder jene Hilfe im alltäglichen Leben. Lesen natürlich regelmässig die Bibel, besuchen Gottesdienste und Bibelstunden, ja sind vielleicht sogar als Prediger und Evangelisten hauptberuflich tätig – und doch wissen sie nichts von Gott. Sie haben keine Erkenntnis der Wahrheit, wissen nicht, wer sie sind. Alles was sie „wissen“, wissen sie nur, weil sie es gelesen haben…

Aus diesem Grund, stößt alles, was sie sagen, auf taube Ohren. Es ist nicht echt. Nicht kraftvoll.

Das Salz ist fade geworden.

Wahrer Glaube

Der christliche Glaube war noch ganz jung, und doch hatte der Schreiber des Hebräerbriefes Entscheidendes zu bemängeln. Da waren Christen, die eigentlich hätten Lehrer sein sollen, denen man aber selbst erst wieder die Anfangsgründe beibringen musste, die immer noch der Milch bedurften (Hebr. 5, 12). Gar nicht auszudenken, was er über uns heutige Christen zu sagen hätte! Denn wie definierte er Glauben? – Als eine Bekenntnisbewegung? Als sozialer Dienst? Ach, wo! Für ihn war Glaube „eine Verwirklichung (hupostasis) dessen, was man hofft, eine Überzeugung, von Dingen, die man nicht sieht.“ (Hebr. 11,1) und er fügt auch hinzu, dass Gläubige sich an Glaubenshelden – also Menschen, die der Glaube zu etwas befähigte – orientieren sollten. Er zählt da auf: Henoch, Noah, Abraham, Jakob, Mose usw. (Hebr. 11). Wahrer Glaube bringt eben das Noch-Nicht-Sichtbare in unsere sinnliche Welt. Ganz im Sinne Christi: „Dein Reich komme, Dein Wille geschehe…“ und „Wer an mich glaubt, der wird auch die Werke tun, die ich tue und wird größere als diese tun, weil ich zum Vater gehe.“ (Joh. 14,12) Wahrer Glaube hat handfeste Auswirkungen. Wenn er die nicht hat, dann ist er tot, d.h. dann bildet man sich möglicherweise ein, zu glauben, aber man glaubt nicht wirklich (Jak. 2,26).

Der Bedrohung durch die reale Welt, die auch durch Christus nicht anders geworden ist, und in der wir alle Angst haben (Joh. 16,33), muss eine wirkliche Kraft entgegengesetzt werden, damit wir von dieser Angst nicht nur nicht zermalmt werden, sondern auf der Erde auch innerlich frei und glücklich leben können, und auch in uns die „Werke des Teufels“ (1. Joh. 3,8), als da sind „jede Krankheit“ , ob psychisch oder somatisch, zerstört werden (Apg. 10,37-38). Wichtiger als alles Reden von der Erlösung ist, dass wir auch immer mehr als Erlöste, als Losgelöste von den Anhaftungen an die Dinge dieser Welt leben (1. Joh. 2,15). Gerhard Tersteegen drückte das so aus:

Wer Vergnügen in Gott haben will, darf es in den Kreaturen nicht mehr suchen; und wer Vergnügen in den Kreaturen haben will, wird es in Gott nicht finden.“

Die Notwendigkeit der Stille

Wir werden aber niemals einer wirklichen Nachfolge gerecht, wenn wir immer nur auf ein sola gratia, sola scriptura – allein die Gnade, allein die Schrift(Bibel) pochen. Die Gnade ist allein zur Veränderung unseres ganzen Wesens gegeben, nicht zur Begnadigung ohne Veränderung. Und was die Schrift anbelangt: Selbst Jesus hat sich nicht mit dem geschriebenen Wort zufrieden gegeben, sondern in der Stille unmittelbare Erleuchtung durch den Vater gesucht. Paulus, der ein guter Schriftkenner war, zog sich in die Wüste zurück, um belehrt und gestärkt zu werden, die Apostel überließen den äußeren Dienst den Diakonen, um genügend Zeit für den Umgang mit Gott zu haben. Die frühen Christen zogen sich in die Wüste zurück und führten ein monastisches Leben.

Das alles wurde als notwendig angesehen. Aber wir wollen das Höchste quasi nebenbei erledigen. Wir sind durchaus bereit, anzuerkennen, dass man für einen hohen weltlichen Beruf viele Jahre studieren muss, aber für ein wirklich fundiertes geistliches Lernen, wie es aus einer echten Nachfolge erwächst, haben wir keinen Sinn.

Kein Wunder, dass unsere Theologie nichts taugt, denn sie ist ohne Erkenntnis. Ohne Erkenntnis aber hat der Glaube keine Kraft. Augustinus wusste das noch: “Zwar vermag niemand an Gott zu glauben, wenn er ihn nicht irgendwie auch erkennt. Doch wird er durch den Glauben geheilt, damit er w e i t e r e Erkenntnis empfange. Es gibt manches, was wir nicht zu glauben vermögen, wenn wir es nicht erkennen, und wieder anderes, das wir nicht zu erkennen vermögen, wenn wir es nicht glauben.”

Echter Glaube kann deshalb nur von wirklich Glaubenden und wirklich Erkennenden gelehrt werden. Deshalb schickte der christliche Sadhu Sundar Singh niemanden zu denen, die keine Erfahrungen hatten, denn “das Christentum umfasst viele Wahrheiten, die wir nicht verstehen, wenn wir sie bloß aus Büchern kennen lernen. Sie werden nur dadurch verständlich, dass wir sie erleben. Das Christentum ist keine Buchreligion, sondern eine Religion des Lebens.“ Desgleichen der Pietist Johann Arndt „Viele meinen, die Theologie sei nur eine bloße Wissenschaft und Wortkunst; da sie doch eine lebendige Erfahrung und Übung ist.“

Wer Gott wirklich liebt, der will ihn nicht auf Distanz halten, sondern ein immer intimeres Verhältnis zu ihm. Genauso, wenn sich im Irdischen zwei Menschen lieben. Deshalb ist allein die Mystik Ausdruck höchster Frömmigkeit. Zum Glück wird das heute wieder mehr und mehr erkannt.

Zutreffend sagte Karl Rahner, dass der Christ der Zukunft ein Mystiker sein wird, oder aber er wird nicht mehr sein.