Übung macht den Meister

Im Januar 1982 hatte ich eine Traumvision: In einer Wüste wanderten schwarzgewandete Menschen aufwärts mit einem Stab, wie ihn Hirten haben, und auf dem Kopf trugen sie einen schwarzen Melonenhut. Rechts im Traumbild standen in numerischer Abfolge die einzelnen Etappen untereinander aufgeführt, deren Inhalte ich aber wegen der Schnelle des Geschehens nicht lesen konnte. Dann sah ich links unten ganz deutlich die Ziffer 9 und daneben den Satz „Erlösung durch Sport.“ Dazu tanzte im Rhythmus ein Stockschirm, und ihm entsprechend ein Mann.

Ich begriff, dass es zum Fruchtbringen (9 ist die Zahl des Fruchtbringens) nötig sei, wie die Sportler immer wieder freiwillig, also aus eigenem Wollen (und nicht weil man muss), im rhythmischen Wechsel bestimmte Glaubensinhalte zu üben.

Zum Üben, das wissen die wenigsten Christen, fordert uns auch die Bibel explizit auf. In 1. Tim. 4,7 heißt es: „ übe dich aber zur Gottseligkeit“. Da steht das griechische Wort γυμνάζω (gymnázo), von dem das Wort Gymnastik abgeleitet ist.

Im evangelischen Glauben kommt man, wenn man etwas übt, sofort in den Verdacht, durch Werke gerecht werden zu wollen. Falls man da überhaupt etwas tut, außer Predigen, dann aus Dankbarkeit oder Liebe zu Gott. Die Werke, die man da tut, sind Werke der Nächstenliebe, also nichts Innerseelisches! Doch gerade das innerseelische Tun ist eminent notwendig, um das Ziel des Glaubens zu erreichen. Paulus schreibt 1. Kor 9,24: „Wisst ihr nicht: Die im Stadion laufen, die laufen alle, aber nur einer empfängt den Siegespreis? Lauft so, dass ihr ihn erlangt.“

Stattdessen hört man immer wieder, aus eigener Kraft können wir nichts tun. Und so überlässt man sich den fleischlichen Mächten.

Aber wer sagt denn, dass wir etwas aus eigener Kraft tun sollen? Nein, aus der Kraft Gottes, um die wir nicht bitten müssen, sondern die uns unablässig zur Verfügung steht, können wir aktiv an unserer Wandlung arbeiten.

Die Kraft Gottes ist aber keine besondere, keine magische Kraft, sondern die Kraft der Wahrheit!

Das Leben ist unablässig tätig. Ohne Pause schlägt das Herz, atmen wir ein und aus. Unablässig sind auch unsere Seeleninhalte in Bewegung. Das sehen wir an unseren Träumen, die aber auch im Tiefschlaf vorhanden sind (nur nehmen wir sie da nicht wahr). Was wir gewohnheitsmässig denken, beinflusst unser Gefühlsleben. Dieses wirkt wiederum zurück auf das Denken, und beides bewirkt unser Handeln. Statt also weiter das Falsche, können wir doch lieber das Richtige tun. Denn unsere Gedanken steuern die Lebenskraft.

Deshalb ist es so wichtig, dass wir die Wahrheit erkennen (Joh. 8,32) und ihr gemäss zu denken üben.

Wer bin ich, wenn ich wiedergeboren bin? – Bin ich dann noch der Mensch, der ich vorher war?

Wenn ich wiedergeboren bin, dann habe ich doch eine neue Identität und dann ist es falsch (also nicht der Wahrheit gemäss), sich weiterhin mit dem zu identifizieren, der ich durch die natürliche Geburt geworden bin.

Ich darf mich jetzt – wenn ich in der Wahrheit bleiben will – nicht mehr als ein vergängliches Wesen ansehen, das unauflöslich von der geschaffenen Welt und ihren Inhalten abhängig ist, sondern ich muss von mir als einem ewigen Wesen denken, das grundsätzlich absolut frei ist und Herrschaft über alles Geschaffene hat.

Nur so ergibt der Begriff „Kind Gottes“ einen Sinn. Ein Kind, das natürlich sich seiner selbst noch nicht so recht bewusst ist, deshalb sein wahres Wesen noch nicht erlebt und seine Kräfte ausleben kann, soll aber erwachsen werden. In Eph. 4,13 ist von der „vollen Mannesreife“ , der vollen Reife Christi“ die Rede, die wir erlangen sollen.

Nur, weil unser neues Leben die gleichen Voraussetzungen, wie das Leben Jesu Christi hat, ist es gerechtfertigt, dass Jesus seinen Nachfolgern verheißt: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer an mich glaubt, der wird auch die Werke tun, die ich tue, und wird größere als diese tun, weil ich zum Vater gehe.“ (Joh. 14,12)

Davon sind wir aber noch weit entfernt! Nicht, weil Gott das nicht wollte, sondern infolge unseres Unglaubens. Wir glauben nicht an das, was wir wirklich sind und aufgrund dieser Wirklichkeit könnten. Das ist wiederum die Folge mangelnden Interesses an der Wahrheit.

In Kirchen und Gemeinden wurden wir in den Schlaf gelullt, indem nicht die Wahrheiten gelehrt, die zum inneren Wachstum nötig sind, sondern in denen wir immer nur in allgemeinen Floskeln ermahnt wurden, zu „glauben“ und Gutes zu tun. Reifer als ein Baby in der Krabbelbox kann man auf diese Weise kaum werden.

Werde, der Du bist.“

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Verständnis und Orientierung durch Vertiefung

In unserer schnelllebigen Zeit huschen wir von einem zum anderen, ohne etwas zu vertiefen. In einer viel extremeren Form als zur Zeit Jesu sind wir Menschen, die Augen haben, aber nichts sehen und Ohren haben, die nichts hören (Mt. 13,13). Alles haftet nur flüchtig an uns und so bleiben wir bei allem Angebot innerlich leer und können nicht entscheiden, was wesentlich und was unwesentlich ist.

Für unser christliches Leben ist das verhängnisvoll, denn es geht nichts mehr vom Kopf in das Herz! Wir bleiben deshalb unerneuert (Eph. 4,23). Alles ist nur noch ein leerer Wort- und Bilderschwall. In den sozialen Netzwerken knallen wir uns gegenseitig Bibelverse an den Kopf und sprechen dem anderen das Christsein ab.

Dieser Verwahrlosung können wir nur durch die Pflege der Stille und durch Meditation/Kontemplation abhelfen, ähnlich wie es Maria mit den ihr vom Engel zugesprochenen Worten tat: “Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.“ ( Lk 2,19).

Nur so kommen wir zu einer Verinnerlichung, zu einer Vertiefung des Glaubens und zu einem wirklichen Verständnis. Denn alles, was uns die Bibel lehrt, ist nicht etwas Irrationales, das sich dem Verstehen entzieht, sondern durchgehend rational. Jesus und den Aposteln war nicht an einem Nachplappern von Bibelversen gelegen, das viele mit „Glauben“ verwechseln, sondern an einem wirklichen Verständnis dessen, was gesagt und geschrieben wurde.

Im Gleichnis vom Sämann spricht Jesus: „Wenn jemand das Wort von dem Reich hört und nicht versteht, so kommt der Böse und reißt hinweg, was in sein Herz gesät war “ (Mt 13,19).

Auch die bringen keine Frucht, die von den Sorgen des Alltags oder von den Verlockungen der Welt (also allem, was man in seiner Freizeit alles so Tolles machen kann) in Anspruch genommen werden (Mt 13,22). Nachfolge Jesu ist kein Spaziergang, sondern etwas, das uns ganz angeht. Aber uns damit auch wirklich befreit und heilt.

Zum Glückso kann ich allerdings nur heute sprechen – hatte ich in meiner Jugend mehrere traumatische Erfahrungen. Da suchte ich natürlich, weil christlich erzogen und regelmässiger Kirchgänger, Hilfe bei den Gläubigen. Aber da war nichts zu finden. Die hatten ja selber nichts! Es war alles nur unverstandene Tradition. So musste ich mich selbst auf die Suche machen.

Es war am Anfang ganz wenig, was ich begriff. Aber es wurde immer mehr, und heute bin ich überreich belohnt. An mir bewahrheitete sich der Spruch „wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe“ (Mt 13,12). Übrigens ein schöner Hinweis darauf, dass Gott ein lebendiger Gott ist, und alle die Unrecht haben, dass er über das fixierte Bibelwort hinaus nichts gebe!

Das wird auch in den Gleichnissen von den anvertrauten Pfunden/Talenten deutlich. Nur die, die damit wucherten, wurden belohnt. Der aber zurückgab, was er bekam, weil er es nicht entdecken wollte, wurde in die äusserste Finsternis geworfen (Mt. 25,24-29).

Der lebendige Nachfolger Christi steht immer zwischen zwei Extremen, wie auch schon die Gottergebenen zur Zeit Jesu: dem verhärteten Pharisäer, dem der innere Sinn fehlt, aber für seine Sache eifert und dem vom Zeitgeist beherrschten Sadduzäer, der gemäss diesem alles relativiert.

Wirkliche Hilfe auf dem Glaubensweg kann man deshalb nur von denen erlangen, die nicht Lehr- sondern „Lebemeister“ (Meister Eckhart) sein wollen, denn die sind allein in der Lage, aus einem wirklichen Verständnis heraus zu lehren. Das sind leider wenige. In der Vergangenheit, um einige zu nennen, waren es der schon erwähnte Meister Eckhart, Johannes Tauler, Angelus Silesius, Madame de Guyon, Gerhard Tersteegen, Johannes Gommel, Sadhu Sundar Singh und ganz aktuell, Rut Björkman .

 

Die Logik der Erlösung

Die Grundlage von allem

Im Februar 2014 las ich mein erstes und bisher einziges Werk des Philosophen Johann Gottlieb Fichte (*19. Mai 1762; †29. Januar 1814) mit dem Titel Die Anweisung zum seligen Leben oder auch die Religionslehre“(1806). Seine Darlegung der Lehre erscheint heute etwas umständlich und die Sprache recht antiquiert. Trotzdem lohnt es sich, seinen Gedanken, wie ich sie hier auszugsweise wiedergebe, zu folgen, da sie eindeutig belegen, dass Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit fähig sind.

Mir selbst wurde Jahre vor dieser Lektüre klar, dass das Leben an sich der Ursprung aller Dinge ist. Das Leben ist natürlich unpersönlich, hat aber die Tendenz zur Bewusstwerdung und damit zur Bildung von Bewusstseinszentren. Ein persönlicher Gott ist deshalb ein Wesen, in dem sich das Leben seiner selbst als Leben bewusst geworden ist. Er ist also erst ein Produkt des Lebens.

Nur das unpersönliche Leben ist allgegenwärtig und ewig.

Diese Wahrheit hatte auch schon Fichte erkannt und ebenso den einzigen Weg zur Glückseligkeit, den „schmalen Weg“ (Mt 7,14). Aber lassen wir ihn selbst zu Wort kommen.

Fichte setzt Sein und Leben gleich: Sein, sage ich, und Leben ist … Eins und dasselbe. Nur das Leben vermag, selbstständig, von sich und durch sich selber, dazusein.“

Das Leben wird damit als ewig definiert. Der Tod lediglich als etwas, das auf der Grundlage des Lebens erwachsen kann:so wie Sein und Leben Eins ist und dasselbe, ebenso ist Tod und Nichtsein Eins und dasselbe. Einen reinen Tod aber und reines Nichtsein gibt es nicht.“

Fichte sieht also das Leben an sich als die Grundlage, den Ursprung aller Dinge an. Aus ihm hat sich alles Raum-Zeitliche, also das Vergängliche, dem „Tod“ Zustrebende entwickelt.

Fragt man nun, was vor dem von der Wissenschaft postulierten Urknall war, dann lautet die Antwort : davor war das Leben!

Der „Tod“ ist also nur etwas Scheinbares:Einen reinen Tod aber und reines Nichtsein gibt es nicht, wie schon oben erinnert worden. Wohl aber gibt es einen Schein, und dieser ist die Mischung des Lebens und des Todes, des Seins und des Nichtseins.“

Fichte führt nun nicht aus, wie es zu einer solchen Vermischung von Sein und Nichtsein kommt. Deshalb möchte ich das aus meinen Erkenntnissen ergänzen.

Aus der Betrachtung des organischen Lebens wird deutlich, dass das Leben unaufhörliche Bewegung ist. Außerdem wissen wir, dass das Leben irritabel ist und damit die Tendenz zur Bewusstwerdung seiner selbst besitzt. Diese ewige Prozesshaftigkeit muss folglich Schöpfungen zum „Zweck“ der Bewusstwerdung des Lebens hervorbringen. Also das Raum-Zeitliche. Aber in jeder solchen Schöpfung/Begrenzung ist wieder das ursprüngliche sich seiner selbst unbewusste Leben tätig, und zwar – wie könne es auch anders sein? – mit der gleichen Tendenz!

Wir sehen deshalb ausgehend vom rein Mineralischen, also dem Stein, eine aufsteigende Linie der Bewusstwerdung des Lebens über Pflanze und Tier zum Menschen hin. Natürlich nur dadurch, dass es sich zunächst mit seiner Lebensform identifizierte. Da die Formen aber selbst vergänglich sind, zittert in ihnen das Leben um seiner selbst vor einem vermeintlichen Nichtsein. Dass dieses nur die Formen betrifft, kann es nur im Menschen begreifen, und da nur in denen, die in der Lage sind, tief genug zu reflektieren. Solange also das Leben sich mit der ihm jeweils eigenen Lebensform identifiziert, ist es gehindert, sich seiner selbst als (ewiges) Leben bewusst werden zu können. Vielmehr ist es mit den sie umgebenden Lebensformen beschäftigt, nämlich inwieweit diese ihm nützlich oder schädlich sein könnten. Das Leben ist sich da also seiner selbst entfremdet, ist nicht bei sich.

Die einzige Möglichkeit, wie der Mensch glücklich werden kann

Demzufolge kann der Mensch, der seine Befriedigung noch in den Objekten des Daseins sucht, niemals wahrhaft glücklich werden. „Der Grund alles Elendes unter den Menschen ist ihre Zerstreutheit in dem Mannigfaltigen und Wandelbaren;“

Was ein solcher Mensch „Leben“ nennt, ist deshalb nur ein Scheinleben. „ Das blosse Scheinleben [ist] versucht zu lieben…das Vergängliche in seiner Vergänglichkeit.

Das Scheinleben lebt nur in dem Veränderlichen, und bleibt darum in keinen zwei sich folgenden Augenblicken sich selber gleich; jeder künftige Moment verschlingt und verzehrt den vorhergegangenen; und so wird das Scheinleben zu einem ununterbrochenen Sterben, und lebt nur sterbend, und im Sterben“ [ vgl. Eph. 2.1,5; Kol 2,13; 1. Tim 5,6].

Sonach ist der Zustand des Seligwerdens die Zurückziehung unserer Liebe aus dem Mannigfaltigen auf das Eine.“ Das geschieht mittels der Liebe zum Ewigen.

Die einzige und absolute Bedingung des seligen Lebens sei die Erfassung des Einen und Ewigen mit inniger Liebe und Genuss“ [vgl. Mk 12,30].

Erst durch solche Konzentration wird der Mensch „kernig“, stark.

Alle innere geistige Energie erscheint im unmittelbaren Bewusstsein derselben, als ein sich Zusammennehmen, Erfassen und Kontrahieren seines ehedem zerstreuten Geistes in Einen Punkt, und als ein sich Festhalten in diesem Einheitspunkt gegen das stets fortdauernde natürliche Bestreben, diese Kontraktion aufzugeben, und sich wiederum auszudehnen. Also, sage ich, erscheint schlechthin alle innere Energie; und nur in diesem sich Zusammennehmen ist der Mensch selbstständig, und fühlt sich selbstständig. Ausser diesem Zustand der Selbstkontraktion verfliesst er eben und zerfliesst, und zwar keinesweges so, wie er will und sich macht (denn alles sich machen ist das Gegenteil des Zerfliessens, die Kontraktion), sondern so wie er eben wird, und das gesetzlose und unbegreifliche Ohngefähr ihn gibt. Er hat demnach in diesem letzteren Zustand gar keine Selbstständigkeit, er existiert gar nicht als ein für sich bestehendes Reales, sondern bloss als eine flüchtige Naturbegebenheit. Kurz, das ursprüngliche Bild der geistigen Selbstständigkeit ist im Bewusstsein ein ewig sich machender und lebendigst sich haltender, geometrischer Punkt: das ebenso ursprüngliche Bild der Unselbstständigkeit und des geistigen Nichtseins, eine unbestimmt sich ergiessende Fläche. Die Selbstständigkeit kehrt der Welt eine Spitze zu; die Unselbstständigkeit eine stumpf ausgebreitete Fläche.

In dem ersten Zustande allein ist Kraft und Selbstgefühl der Kraft; darum ist auch nur in ihm eine kräftige und energische Auffassung und Durchdringung der Welt möglich.“

Jesus drückte diese Wahrheit so aus: „wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut.“ (Mt 12,30)

Dieses Anhaften am Ewigen, des Leben an sich, ist folglich der Mittelpunkt des erwachten Menschen. Es ist das Aufhören der Identifikation des Lebens mit der Form. Nun da sich das Leben im Menschen selbst erkannt hat, ist es die Identifizierung des Lebens mit sich selbst. Wie Jesus kann ein solcher Mensch (sich) sagen: „Ich bin das Leben“ (Jo 14,6). Nicht mehr und nicht weniger! Das Leben ist Nichts im Sinne von Gestaltung, aber damit Alles, da es die große Offenheit, die absolute Freiheit ist. Während eben jede Form Beschränkung darstellt.

Deshalb fasst Fichte die Weisheit, die ein jeder Mystiker kennt, in die Worte „Solange der Mensch noch etwas für sich selbst sein will, kann das wahre Sein und Leben in ihm sich nicht entwickeln, und er bleibt eben darum auch der Seligkeit unzugänglich; denn alles eigene Sein ist nur Nichtsein und Beschränkung des wahren Seins; und eben darum, entweder auf dem ersten Standpunkt der Sinnlichkeit, die ihr Glück von den Objekten erwartet, lauter Unseligkeit, da durchaus kein Objekt den Menschen befriedigen kann.“

Falsche Erwartungen der Gläubigen

Aus dieser Wahrheit heraus beleuchtet er auch die weitverbreiteten aber deshalb nicht weniger falschen Vorstellungen eines ewig seligen Lebens nach dem Tod, wie es angeblich der Gläubige erwarten könne.

Es hilft auch nichts, dass man diese Glückseligkeit recht weit aus den Augen bringe und sie in eine andere Welt jenseits des Grabes verlege; wo man mit leichterer Mühe die Begriffe entwirren zu können glaubt. Was ihr über diesen euren Himmel auch sagen (…) mögt: so beweiset doch schon der einzige Umstand, dass ihr ihn von der Zeit abhängig macht und ihn in eine andere Welt verlegt, unwidersprechlich, dass er ein Himmel des sinnlichen Genusses ist. Hier ist der Himmel nicht, sagt ihr: jenseits aber wird er sein. Ich bitte euch: was ist denn dasjenige, das jenseits anders sein kann, als es hier ist? Offenbar nur die objektive Beschaffenheit der Welt, als der Umgebung unseres Daseins Die objektive Beschaffenheit der gegenwärtigen Welt demnach müsste es eurer Meinung zufolge sein, welche dieselbe untauglich macht zum Himmel, und die objektive Beschaffenheit der zukünftigen das, was sie dazu tauglich macht; und so könnt ihr es denn gar nicht weiter verhehlen, dass eure Seligkeit von der Umgebung abhängt, und folglich ein sinnlicher Genuss ist. Suchtet ihr die Seligkeit da, wo sie allein zu finden ist, rein in Gott und darin, dass er heraustrete, keinesweges aber in der zufälligen Gestalt, in der er heraustrete; so brauchtet ihr euch nicht auf ein anderes Leben zu verweisen: denn Gott ist schon heute, wie er sein wird, in alle Ewigkeit.“

Der Erlöste

Wer wirklich glücklich werden will, wendet also seinen Blick vom Äußeren aufs Innere. Der sich mit dem Ewigen Identifizierende kennt „keine Furcht über die Zukunft, denn ihn führt das absolut Selige ewig fort derselben entgegen; keine Reue über das Vergangene, denn inwiefern er nicht in Gott war, war er nichts, und dies ist nun vorbei, und erst seit seiner Einkehr in die Gottheit ist er zum Leben geboren; inwiefern er aber in Gott war, ist recht und gut, was er gethan hat. Er hat nie etwas sich zu versagen, oder sich nach etwas zu sehnen, denn er besitzt immer und ewig die ganze Fülle alles dessen, das er zu fassen vermag. Für ihn ist Arbeit und Anstrengung verschwunden, seine ganze Erscheinung fliesst lieblich und leicht aus seinem Innern, und löst sich ab von ihm ohne Mühe. Er ist „des Schmerzes, der Mühe, der Entbehrung frei.“ „Worin seine Seligkeit selbst positiv bestehe, lässt sich [allerdings] nicht beschreiben, sondern nur unmittelbar fühlen.“

Waren Jesu Ansprüche zu hoch?

Versetzen wir uns einmal in das jüdische Leben zur Zeit Jesu. Die geistige Elite waren Pharisäer und Sadduzäer. Sie bestimmten das religiöse Leben und belehrten das einfache Volk. Sie allein waren im Besitz der heiligen Bücher (ein „Altes Testament“ gab es damals noch nicht. Erst 100 n. Chr. wurde endgültig festgelegt, was zum hebräischen Tanach gehören sollte).

Diese Welt wurde nun mit einem Menschen konfrontiert, der so ganz anders lehrte als sie (Mt. 7,29). Während sie über etwas sprachen, schien dieser aus etwas zu sprechen. Das kannte man natürlich von den Propheten. Aber zu Lebzeiten dieser wurden sie als Störenfriede der konservativen oder liberalen Buchgelehrten empfunden, weshalb man sich ihrer zu entledigen suchte (Mt. 23, 29-32). Heute jedoch hatte man Gräber für die Gerechten errichtet (Mt. 23,29) und war der Überzeugung, dass man damals anders gehandelt hätte, was aber nur eine Selbsttäuschung war (Mt. 23, 30-32).

Guten Glaubens, Botschafter des Wortes Gottes zu sein, war man eifrig bemüht, Proselyten zu machen, also Anhänger des eigenen Glaubens zu gewinnen (Mt. 23,15). Eine lohnenswerte Aufgabe, wie man sicher meinte.

Und nun kam dieser Jesus, der sich über sie und ihre Lehren erhob, und etwas lehrte, das überhaupt nicht in den heiligen Schriften (dem „Alten Testament“) stand! Wo bitte stand in diesen etwas von einem „Himmelreich“ oder einem „Reich Gottes“ ? Wo war zu lesen, dass man „von neuem geboren“ sein sollte (Jo 3,3)? Woher sollte Nikodemus das wissen? – Und doch machte ihm Jesus diese Unwissenheit zum Vorwurf (Jo 3,10)!

Nein, dieser Jesus musste ein Verführer sein (Jo 7,47). Er machte sich sogar selbst zum Gott (Jo 10,33), und als Begründung für seine Gotteslästerung, weiß er nur eine einzige (!) „Bibelstelle“ anzuführen: Ps. 82,6 „Ich habe gesagt; Ihr seid Götter“ (Jo 10,34). Auch behauptet er, wir hätten einen Schlüssel, den wir selbst nicht benutzten und sogar verhindern würden, dass andere sich das Himmelreich aufschließen (Mt. 23,13). Wir als legitime Vertreter des mosaischen Glaubens (Mt. 23,2) können das nicht länger dulden!…

Auch heute wird kaum jemand, der nur das Alte Testament kennt, erkennen können, dass dieses zu den Inhalten der Lehren Jesu führen könnte. Wenn man nur die Schale hat, und nicht den Sinn, das Wesentliche der Schrift erkennt, hätten die Schriftausleger unserer Zeit die gleichen Probleme wie damals die Pharisäer und Sadduzäer.

Beim einfachen, unverbildeten Volk, das noch die wahren Probleme des Lebens empfand, musste dagegen Jesus fruchtbaren Boden finden (Mt. 11,25). Denn es geht nicht um irgendwelche Äusserlichkeiten, sondern die reale Beendigung der menschlichen Not.

Diese aber ist nur durch den Weg ins Innere, Nicht-Sinnliche (und deshalb den Sinnen „Verborgene“) zu haben, denn alles – außer den materiellen Zusammenhängen – hat seine Ursache im Geist, und kommt über die Seele(n) zur physischen Manifestation. Deshalb fordert uns Jesus auf, das im Inneren Vernommene zu verkünden (Mt. 10,27). Er erwartet von uns, dass wir das Sinnliche durchschauen (Mt. 16,3) und Paulus sagt,wir sollten vom Buchstaben zum Geist vordringen (2. Kor. 3,6), unsere Liebe immmer mehr in Erkenntnis übergehen (Phil. 1,9).

Dort, wo unsere Erkenntnis nicht hinreicht, sind wir blind. Und wo wir über unsere Erkenntnis hinauslehren, sind wir nichts als blinde Blindenführer, wie die Schriftgelehrten und Pharisäer.

Wo sind die, die heute das Leben lehren?

Der Hl. Geist und die Wahrheit

Alle Christen behaupten ja den Hl. Geist empfangen zu haben, auch wenn dieser „Empfang“ sich nicht als übersinnliches Geschehen manifestierte. Trotzdem herrscht unter ihnen eine Streitlust, die kaum eine Bibelstelle unangetastet lässt und oft genug dem anderen das Christsein abspricht. Das ist bei denen, die eine „besondere Salbung“ empfangen haben wollen (Pfingstler, Charismatiker usw.), nicht anders. Wenn es wahr sein sollte, dass wir den „Geist der Wahrheit“ haben, der uns in „alle Wahrheit leiten“ will (Jo 16,13), dann stellt dergleichen eigentlich eine Unmöglichkeit dar.
Wir müssen gar nicht darüber diskutieren, ob wir den Hl. Geist empfangen haben oder nicht. Der Hl. Geist kann nichts bewirken, wenn wir an der Wahrheit kein wirkliches Interesse haben. Das ist in der Regel bei den meisten Menschen der Fall.* Das ändert sich auch nicht sogleich, wenn man sich für den Glauben entschieden hat. Da kann man sogar, um vermeintliche Glaubenswahrheiten zu retten, blind gegenüber anderen Wahrheiten werden.

Wer an bestimmten Wahrheiten ein Interesse hat, wird auch immer mehr Wahrheiten erkennen, die damit in Zusammenhang stehen. Erkenntnis der Wahrheit ist kein geheimnisvolles Geschehen, sondern das einfache Zusammenschauen zweier oder mehrerer Tatbestände. Durch ein solches Vergleichen erkennt man, was sie gemeinsam haben und was sie trennt. Ein profanes Beispiel dafür: Wenn ich einen Apfel und eine Birne vor mir habe und in sie hineinbeiße, kann ich feststellen, dass sie eßbar sind, und in dieser Hinsicht etwas gemeinsam haben. Der Geschmack und das Äußere unterscheiden sie. Damit habe ich schon einige Wahrheiten erkannt. Sehe ich nun beide in der Natur, dann stelle ich fest, dass es Baumfrüchte sind. Vergleiche ich Bäume untereinander, erkenne ich, dass es davon die verschiedensten Arten gibt, usw.

Erkenntnis der Wahrheit ist etwas, das im profanen Bereich ganz natürlich geschieht. Trotzdem kann man sagen, dass die Menschen die Wahrheit nicht an sich lieben, sondern nur insoweit, wie sie zur Verfolgung persönlicher Ziele nützlich ist. Ein Börsenmakler wird deshalb viel über Finanzen wissen, von denen ein Kleingärtner gar nichts versteht, und umgekehrt.
Im christlichen Glauben aber geht es, wie in der Philosophie oder auch der Wissenschaft, um die ganz großen Fragen, nämlich das, was „die Welt im Innersten zusammenhält“ (Faust). Darüber, mit Verlaub, möchte man mit keiner Hausfrau diskutieren.

Ist nun Wahrheit demzufolge nur etwas für „große Geister“? – Ja und Nein, denn jeder große Geist hat einmal klein angefangen.

Das Grundproblem des Menschen empfindet jeder: Es ist der Tod und das Leiden. Die Bibel, als Dokument eines historischen Geschehens verweist auf eine Antwort darauf: Jesu Auferstehung. Nimmt man sie als Faktum, dann würde das mit logischer Konsequenz implizieren, dass es außer dem Materiellen Geistiges gibt, und dieses grundsätzlich übergeordnet ist.

Von diesem Geistigen, wenn es denn tatsächlich existiert, kann ich aber nicht nur aus der Bibel wissen, sondern muss ich als Mensch unmittelbare Gewißheit erlangen können. Denn ich muss im Wesentlichen gleicher Beschaffenheit wie Jesus sein, wenn für mich oder irgendeinen anderen Menschen Jesu Auferstehung eine Bedeutung haben sollte.

Da die Bibel keine Darstellung komplexer Zusammenhänge bietet, aber jede Wahrheit mit anderen Wahrheiten zusammenhängt, ist offensichtlich, dass „biblische Wahrheiten“ ihre mögliche Evidenz nur durch außerbiblische Wahrheiten erlangen können. Auch die Inhalte der Bibel sind nur „Stückwerk“. Ein „sola sciptura“ kann deshalb nur geistliche Unfruchtbarkeit bedeuten.

Nun haben wir ja heute nicht nur viele naturwissenschaftliche Wahrheiten erkannt, sonder auch eine Fülle an empirischen Daten, deren Auswertung ein recht deutliches Bild über den Zusammenhang von Geistigem und Materiellem und dem Leben nach dem Tod ergeben könnte. Alles das darf nicht, wenn man wahrhaftig sein will, zugunsten liebgewordener traditioneller Vorstellungen ignoriert oder zurechtgebogen werden.

Als Letztes: Alle Wahrheiten ergänzen und beleuchten sich gegenseitig. Unwahr ist alles was unlogisch ist.

Nicht der Glaube macht uns frei, sondern allein die Wahrheit (Jo 8,32). Deshalb ist ihr Fehlen im Leben von uns so verhängnisvoll und der christliche Glaube für viele ein Spott!

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* „Nie haben die Massen nach Wahrheit gedürstet. Von den Tatsachen, die ihnen missfallen, wenden sie sich ab und ziehen es vor, den Irrtum zu vergöttern, wenn er sie zu verführen vermag. Wer sie zu täuschen versteht, wird leicht ihr Herr, wer sie aufzuklären sucht, stets ihr Opfer.“ Gustave Le Bon (1841 – 1931), franz. Arzt und Soziologe, Begründer der Massenpsychologie