Die innere Logik des Neuen Testaments

Immer wieder gibt es Auseinandersetzungen zwischen den Gläubigen, aus denen im Gespräch, in der Diskussion oder auf sonst einer Weise deutlich wird, dass man Zweifel am rechten Glauben des jeweils anderen habe. Dieses Misstrauen in den anderen muss aber nicht aus einem eigenen starken Glauben kommen, sondern kann geradezu Ausdruck eigener Unsicherheit sein. Man bekämpft deshalb so vehement die Anschauungen des Gegenüber, weil man sich selbst nicht verunsichern lassen möchte.

Aber immer da, wo Differenzen auftreten, ist ein jeder gefragt, tiefer nach dem Wahrheitsgehalt der eignen Überzeugungen zu fragen – sonst macht man sich und dem anderen nur etwas vor, womit keinem gedient ist.

Wir sollen nicht blind etwas glauben, sondern der Wahrheit glauben. Einer einzigen Wahrheit zu glauben, heißt bereits einen Anhaltspunkt zu haben. Das Dasein besteht aber aus vielen Wahrheiten.

Bezogen auf die Bibel heißt das: wir können uns nicht einfach ein paar Bibelverse herauspicken, die uns sympathisch sind und andere ignorieren. Das betrifft besonders das Neue Testament. Dieses muss uns ja besonders wichtig sein, da es von unserer Erlösung handelt.

Doch da scheinen viele nur herauszulesen, dass sie von Gott geliebt und aus Gnaden erlöst seien, deshalb kommen sie, ihrer Meinung nach, sofort nach dem physischen Tod „in den Himmel“. Aber ist das wirklich so? – Diese Frage soll jetzt hier überhaupt nicht beantwortet werden. Ein Christ, der „das Wort“ ernst nimmt, ist man damit jedenfalls noch nicht.

Ernsthafte Christen können wir nur dann sein, wenn wir uns die Mühe machen, die Wahrheit erkennen zu wollen, denn nur die Wahrheit, nicht ein diffuser Glaube, macht frei (Jo 8,32).

Deshalb gilt es das gesamte Neue Testament ernst zu nehmen. Zwischen den einzelnen Aussagen kann es keine wirklichen Widersprüche geben. Alles, was da gesagt wird, muss einen inneren, einen logischen Zusammenhang haben. Dieser kann aber nur erkannt werden, wenn man alle Worte auf sich wirken lässt, gerade auch die, die einem persönlich gar nicht zusagen.

Nur die Zusammenschau öffnet die Geistesaugen und damit das Verständnis.

Auf diese Weise erfährt man etwas über die Anthropologie des Menschen und die Psychologie der Erlösung. In Umkehrung des Goethewortes, erhält man nun aus den Einzelteilen, also den einzelnen Aussagen der Schrift, das geistige Band. Ohne dieses bleibt alles toter Buchstabe.

„Wer will was Lebendigs erkennen und beschreiben,
sucht erst den Geist herauszutreiben,
dann hat er die Teile in seiner Hand,
fehlt, leider, nur das geistige Band.“  (Goethe)

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