Charismatisch, evangelikal und katholisch


Sandler, Willibald. Charismatisch, evangelikal und katholisch
Verlag Herder, 2021, 360 S., 28,- €

Die Symbiose von evangelikal und katholisch im Titel weckte meine Neugier. Passt denn das zusammen? Wie kann man als katholischer Christ evangelikal sein? Natürlich wird sich kein Katholik als evangelikal bezeichnen, sondern hier handelt es sich um eine Zuschreibung des Autors, um das Gemeinsame einer immer mehr über-, ja postkonfessionellen Praxis zu beschreiben. Diese ist von gefühls- und erwartungsorientierter Frömmigkeit geprägt, wie wir sie besonders aus der Pfingst- und der charismatischen Bewegung kennen und die sich damit vom Traditionalismus und progressiven Katholizismus unterscheidet.

Das Buch, verfasst von einem katholischen Theologen, der selbst bekennender Charismatiker ist, gibt im Kern einen guten Überblick über die evangelischen Erweckungsbewegungen, beginnend mit Graf Zinzendorf und den Herrnhutern bis zum „Mission Manifest“ des Augsburger Gebetshauses unter der Leitung von Johannes Hartl.

Zunehmend sehen viele Bischöfe und Pastoralverantwortliche in diesen Bewegungen und Initiativen die Zukunft der Katholischen Kirche, andere darin ihren Niedergang.

Es geht deshalb dem Autor darum, Brücken zu bauen und Dialog zu ermöglichen. Auch möchte er Hilfe zur Unterscheidung der Geister bieten.

Während er Potentiale in der lebendigen Frömmigkeit und der Erwartungshaltung sieht, die anziehend auf andere Menschen wirke, sieht er eine Gefahr in der „Geschichtsvergessenheit und Theologieverweigerung“ dieser Strömungen.

Damit ist andererseits klar, dass unreflektiertes Erleben Glauben an der Oberfläche bleiben lässt, wo doch nur Tiefe der Erkenntnis einer naturwissenschaftlich geschulten Wissensgesellschaft Paroli bieten kann. Eine Festigung im Glauben muss, wo die Erwartungen enttäuscht werden, ausbleiben. Das kann dann dazu führen, dass der Glaube gänzlich verworfen wird.

Heute benötigt man Verständnis für übersinnliche Wirkzusammenhänge.

Es bleibt dahingestellt, ob sich unter diesen Umständen Hoffnungen auf eine Neu-Missionierung Europas erfüllen können.

Mir bietet das Buch zu wenig Kritik, was ich zwar angesichts einer exoterisch bleibenden Theologie verstehen kann, aber ist es wirklich so schwierig, eine „geistliche Kriegsführung“ à la Peter Wagner als das, was es ist, nämlich Unsinn, zu bezeichnen? Der geistliche Kampf – wie ihn die Bibel versteht – richtet sich nicht gegen „Territorien“, sondern gegen die falschen Überzeugungen der Menschen. Auch die Dämonenaustreibungen sind ein Anachronismus, der als solcher benannt werden muss.

Das Buch kann nur der Anfang einer gründlichen Auseinandersetzung sein.

Widerstand gegen Gottes Wirken

Als ich zum Glauben kam, und deshalb mein Leben an Jesus Christus übergab, trat neben der persönlichen Hoffnung ein Leiden am Zustand der eigenen Gemeinde. Genauer, da ich noch ein Jugendlicher war, an den Jugendstunden. Denn unser Pastor war durch die historisch – kritische Methode, durch Bultmann, geprägt. Eine wirkliche Glaubensvermittlung fand deshalb nicht statt.

Das hatte mich bisher überhaupt nicht gestört. Aber nun sollte ich ein Buch über den kolumbianischen Priester Camillo Torres besprechen, der zum Guerillero, zum (bewaffneten) Freiheitskämpfer wurde. Mit diesem Weg konnte ich nicht konform gehen. Das führte dazu, dass ich wenig später eine eigene Jugendstunde hielt, in der ich zeigte, was wahrhaft revolutionär war: der echte Glaube, der zur Veränderung der eigenen Person führte. (Übrigens machte ich damals – 1974 – bereits auf die Aktualität von Offb. 13, 16-17 aufmerksam, indem ich von der bevorstehenden Abschaffung des Bargeldes sprach. Wahrscheinlich als Erster überhaupt.)

Die Jugendstunde polarisierte. Die einen waren angetan bis begeistert, einige aber meinten sogleich, dass ich ein falscher Prophet sei.

Nach dem Wehrdienst ohne Waffe („Bausoldat“) in der NVA, wurde ich von Jugendlichen in einen noch nicht lange bestehenden Gebetskreis eingeladen. Dieser war als Folge des charismatischen Aufbruchs entstanden. Das Flämmchen, das da brannte, wollte man aber sogleich wieder ersticken. Eine heftige Polemik seitens des Pastors begann. Dieser hatte den bisherigen abgelöst, war aber ebenso von der modernen Theologie geprägt. Nachdem so, völlig entstellt, in der Gemeinde bekannt wurde, dass wir mit dem aktuellen Wirken Gottes rechneten – was eigentlich für jeden Gläubigen selbstverständlich sein sollte – war bei vielen Angst zu spüren. Es könnten ja die eigenen Sünden aufgedeckt werden. Man könnte die Kontrolle über das eigene Leben verlieren. Gott könnte einen drängen, Dinge zu tun, die man nicht tun wollte, und was der Befürchtungen mehr gewesen sein mögen.

An eine Erneuerung unserer Gemeinde aus der Kraft des Heiligen Geistes war bald nicht mehr zu denken. Aber so erging es ja nicht nur der unseren. Zu sehr war man gewohnt, dass Gott nichts tat, und man wollte auch nicht, dass es anders sei. Das ist bis heute ein Hauptgrund für die Ablehnung jeglichen geistlichen Aufbruchs. Von dieser Warte aus hat man es natürlich leicht, die Auswüchse charismatischer oder pfingstlicher Frömmigkeit zu kritisieren, und alles Lebendige zu verdammen. „Nein, wir wollen nicht werden, wie diese.“

Gewiss, vieles ist abstoßend, aber dieses Abstoßende existiert eben nicht, weil man sich auf einen falschen Weg begeben hat, sondern weil man zu wenig Unterscheidungsvermögen hat, was wiederum auf einen Mangel an übersinnlicher Erkenntnis beruht.

Echter Glaube ist enthusiastisch und überwindet alle Hindernisse. Er ist auch nicht einseitig. Also nicht nur auf Sofortheilung und Wunder aus, sondern auch auf Wachstum und Durchblick.

Möge uns allen solcher Glaube geschenkt werden!