Verständnis und Orientierung durch Vertiefung

In unserer schnelllebigen Zeit huschen wir von einem zum anderen, ohne etwas zu vertiefen. In einer viel extremeren Form als zur Zeit Jesu sind wir Menschen, die Augen haben, aber nichts sehen und Ohren haben, die nichts hören (Mt. 13,13). Alles haftet nur flüchtig an uns und so bleiben wir bei allem Angebot innerlich leer und können nicht entscheiden, was wesentlich und was unwesentlich ist.

Für unser christliches Leben ist das verhängnisvoll, denn es geht nichts mehr vom Kopf in das Herz! Wir bleiben deshalb unerneuert (Eph. 4,23). Alles ist nur noch ein leerer Wort- und Bilderschwall. In den sozialen Netzwerken knallen wir uns gegenseitig Bibelverse an den Kopf und sprechen dem anderen das Christsein ab.

Dieser Verwahrlosung können wir nur durch die Pflege der Stille und durch Meditation/Kontemplation abhelfen, ähnlich wie es Maria mit den ihr vom Engel zugesprochenen Worten tat: “Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.“ ( Lk 2,19).

Nur so kommen wir zu einer Verinnerlichung, zu einer Vertiefung des Glaubens und zu einem wirklichen Verständnis. Denn alles, was uns die Bibel lehrt, ist nicht etwas Irrationales, das sich dem Verstehen entzieht, sondern durchgehend rational. Jesus und den Aposteln war nicht an einem Nachplappern von Bibelversen gelegen, das viele mit „Glauben“ verwechseln, sondern an einem wirklichen Verständnis dessen, was gesagt und geschrieben wurde.

Im Gleichnis vom Sämann spricht Jesus: „Wenn jemand das Wort von dem Reich hört und nicht versteht, so kommt der Böse und reißt hinweg, was in sein Herz gesät war “ (Mt 13,19).

Auch die bringen keine Frucht, die von den Sorgen des Alltags oder von den Verlockungen der Welt (also allem, was man in seiner Freizeit alles so Tolles machen kann) in Anspruch genommen werden (Mt 13,22). Nachfolge Jesu ist kein Spaziergang, sondern etwas, das uns ganz angeht. Aber uns damit auch wirklich befreit und heilt.

Zum Glückso kann ich allerdings nur heute sprechen – hatte ich in meiner Jugend mehrere traumatische Erfahrungen. Da suchte ich natürlich, weil christlich erzogen und regelmässiger Kirchgänger, Hilfe bei den Gläubigen. Aber da war nichts zu finden. Die hatten ja selber nichts! Es war alles nur unverstandene Tradition. So musste ich mich selbst auf die Suche machen.

Es war am Anfang ganz wenig, was ich begriff. Aber es wurde immer mehr, und heute bin ich überreich belohnt. An mir bewahrheitete sich der Spruch „wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe“ (Mt 13,12). Übrigens ein schöner Hinweis darauf, dass Gott ein lebendiger Gott ist, und alle die Unrecht haben, dass er über das fixierte Bibelwort hinaus nichts gebe!

Das wird auch in den Gleichnissen von den anvertrauten Pfunden/Talenten deutlich. Nur die, die damit wucherten, wurden belohnt. Der aber zurückgab, was er bekam, weil er es nicht entdecken wollte, wurde in die äusserste Finsternis geworfen (Mt. 25,24-29).

Der lebendige Nachfolger Christi steht immer zwischen zwei Extremen, wie auch schon die Gottergebenen zur Zeit Jesu: dem verhärteten Pharisäer, dem der innere Sinn fehlt, aber für seine Sache eifert und dem vom Zeitgeist beherrschten Sadduzäer, der gemäss diesem alles relativiert.

Wirkliche Hilfe auf dem Glaubensweg kann man deshalb nur von denen erlangen, die nicht Lehr- sondern „Lebemeister“ (Meister Eckhart) sein wollen, denn die sind allein in der Lage, aus einem wirklichen Verständnis heraus zu lehren. Das sind leider wenige. In der Vergangenheit, um einige zu nennen, waren es der schon erwähnte Meister Eckhart, Johannes Tauler, Angelus Silesius, Madame de Guyon, Gerhard Tersteegen, Johannes Gommel, Sadhu Sundar Singh und ganz aktuell, Rut Björkman .

 

Advertisements

Waren Jesu Ansprüche zu hoch?

Versetzen wir uns einmal in das jüdische Leben zur Zeit Jesu. Die geistige Elite waren Pharisäer und Sadduzäer. Sie bestimmten das religiöse Leben und belehrten das einfache Volk. Sie allein waren im Besitz der heiligen Bücher (ein „Altes Testament“ gab es damals noch nicht. Erst 100 n. Chr. wurde endgültig festgelegt, was zum hebräischen Tanach gehören sollte).

Diese Welt wurde nun mit einem Menschen konfrontiert, der so ganz anders lehrte als sie (Mt. 7,29). Während sie über etwas sprachen, schien dieser aus etwas zu sprechen. Das kannte man natürlich von den Propheten. Aber zu Lebzeiten dieser wurden sie als Störenfriede der konservativen oder liberalen Buchgelehrten empfunden, weshalb man sich ihrer zu entledigen suchte (Mt. 23, 29-32). Heute jedoch hatte man Gräber für die Gerechten errichtet (Mt. 23,29) und war der Überzeugung, dass man damals anders gehandelt hätte, was aber nur eine Selbsttäuschung war (Mt. 23, 30-32).

Guten Glaubens, Botschafter des Wortes Gottes zu sein, war man eifrig bemüht, Proselyten zu machen, also Anhänger des eigenen Glaubens zu gewinnen (Mt. 23,15). Eine lohnenswerte Aufgabe, wie man sicher meinte.

Und nun kam dieser Jesus, der sich über sie und ihre Lehren erhob, und etwas lehrte, das überhaupt nicht in den heiligen Schriften (dem „Alten Testament“) stand! Wo bitte stand in diesen etwas von einem „Himmelreich“ oder einem „Reich Gottes“ ? Wo war zu lesen, dass man „von neuem geboren“ sein sollte (Jo 3,3)? Woher sollte Nikodemus das wissen? – Und doch machte ihm Jesus diese Unwissenheit zum Vorwurf (Jo 3,10)!

Nein, dieser Jesus musste ein Verführer sein (Jo 7,47). Er machte sich sogar selbst zum Gott (Jo 10,33), und als Begründung für seine Gotteslästerung, weiß er nur eine einzige (!) „Bibelstelle“ anzuführen: Ps. 82,6 „Ich habe gesagt; Ihr seid Götter“ (Jo 10,34). Auch behauptet er, wir hätten einen Schlüssel, den wir selbst nicht benutzten und sogar verhindern würden, dass andere sich das Himmelreich aufschließen (Mt. 23,13). Wir als legitime Vertreter des mosaischen Glaubens (Mt. 23,2) können das nicht länger dulden!…

Auch heute wird kaum jemand, der nur das Alte Testament kennt, erkennen können, dass dieses zu den Inhalten der Lehren Jesu führen könnte. Wenn man nur die Schale hat, und nicht den Sinn, das Wesentliche der Schrift erkennt, hätten die Schriftausleger unserer Zeit die gleichen Probleme wie damals die Pharisäer und Sadduzäer.

Beim einfachen, unverbildeten Volk, das noch die wahren Probleme des Lebens empfand, musste dagegen Jesus fruchtbaren Boden finden (Mt. 11,25). Denn es geht nicht um irgendwelche Äusserlichkeiten, sondern die reale Beendigung der menschlichen Not.

Diese aber ist nur durch den Weg ins Innere, Nicht-Sinnliche (und deshalb den Sinnen „Verborgene“) zu haben, denn alles – außer den materiellen Zusammenhängen – hat seine Ursache im Geist, und kommt über die Seele(n) zur physischen Manifestation. Deshalb fordert uns Jesus auf, das im Inneren Vernommene zu verkünden (Mt. 10,27). Er erwartet von uns, dass wir das Sinnliche durchschauen (Mt. 16,3) und Paulus sagt,wir sollten vom Buchstaben zum Geist vordringen (2. Kor. 3,6), unsere Liebe immmer mehr in Erkenntnis übergehen (Phil. 1,9).

Dort, wo unsere Erkenntnis nicht hinreicht, sind wir blind. Und wo wir über unsere Erkenntnis hinauslehren, sind wir nichts als blinde Blindenführer, wie die Schriftgelehrten und Pharisäer.

Wo sind die, die heute das Leben lehren?