Die Bibel ist kein naturwissen-schaftliches Buch

Eine Selbstverständlichkeit, sollte man meinen. Aber dem ist nicht so. Viele, die ernsthaft Christ sein wollen, meinen nämlich, dass gerade die Bibel das sein müsste. Weil sie „Gottes Wort“ sei, müssten die Angaben der Bibel zur Natur wahr, und deshalb naturwissenschaftlich unanfechtbar sein. Als ich Christ wurde, war das auch meine Überzeugung. Ich bemühte mich deshalb, mit naturwissenschaftlichen Mitteln die „Wahrheit der Bibel“ zu beweisen – so wie es heute noch viele tun – und scheiterte kläglich…

Man übersieht bei dieser ganzen Sache eines: Zur Zeit als die biblischen Gestalten lebten und die einzelnen Texte der Bibel niedergeschrieben wurden, gab es gar keine Naturwissenschaft. Diese hat sich im Wesentlichen erst seit Kopernikus, also seit dem 15. Jahrhundert, entwickelt.

Hätte Gott zu den Menschen der damaligen Zeit naturwissenschaftlich geredet, er wäre nicht verstanden worden! Aber darum geht es ja. Gott muss von denen verstanden werden, zu denen er reden will. Das war in den damaligen Zeiten geozentrisch, also von dem aus, wie die Menschen die Erde und das All ohne technische Hilfsmittel wahrnahmen und anthropomorph, d.h. analog wie die Menschen sich selbst und die Umgebung empfanden.

Wenn ein Mensch auf einen anderen Menschen zornig war, dann tat er diesem etwas an, wovon er annehmen konnte, dass das dem anderen nicht gefiel. Folglich musste Gott auf den Menschen zornig sein, wenn des Menschen Erwartungen nicht erfüllt wurden oder sogar etwas geschah, was als Schaden erfahren wurde. Aus den Wechselfällen des Lebens wurde das Verhältnis Gottes zum Menschen abgeleitet. Ging alles gut, war Gott barmherzig. Trat eine größere Umwälzung auf, bei der viele Menschen vernichtet wurden, „reute es den Herrn, auf der Erde den Menschen gemacht zu haben, und es tat seinem Herzen weh.“ (1. Mo 6,6). Gott konnte man damals nicht anders verstehen als einen Menschen mit allen seinen Emotionen und Sinneswandel, nur das er eben viel mächtiger als ein Mensch war.

Und alles war natürlich um des Menschen Willen geschaffen: „Und Gott sprach: Es sollen Lichter an der Wölbung des Himmels werden, um zu scheiden zwischen Tag und Nacht, und sie sollen dienen als Zeichen und zur Bestimmung von Zeiten und Tagen und Jahren;“ (1Mo 1,14).

Sonne und Mond haben also nach dieser Auffassung keinen Zweck in sich oder im ganzen System. Sie sind lediglich „Lichter“ am Himmelsgewölbe, damit der Mensch einen Kalender hat! Davon, dass die Sonne ein Stern, und die Planeten dreidimensionale Gebilde, also Kugeln waren, wusste man noch nichts. Man sah also lediglich Lichter am Himmel, an denen nach langen Beobachtungen auffiel, dass manche Lichter an bestimmten Stellen wiederkehrten. Damit hatte man Anhaltspunkte für eine Zeiteinteilung gewonnen.

Das Weltbild der Bibel ist also ein ganz anderes als das unsrige. Deshalb können wir heute nur sinnvoll von Gott reden, wenn wir die zeitgeschichtliche Einkleidung der biblischen Texte durchdringen und zum eigentlichen Inhalt vorstoßen. Dann wird unsere Verkündigung nicht länger im Widerspruch zu anerkannten wissenschaftlichen Wahrheiten stehen und vom heutigen Menschen guten Willens akzeptiert werden.

Das Problem, das sich von jeher durch die Menschheit zieht, ist das Leid und seine Überwindung. Darum geht es im Wesentlichen in allen „heiligen Texten“. Untrennbar sieht man dieses Problem mit dem Verhältnis des Einzelnen zur Gesamtheit und dem Herrscher über alles verknüpft.

Im Grunde muss uns die vorchristliche Entwicklung des menschlichen Bewusstseins und der Gesellschaft nicht mehr interessieren. Mit der Überwindung des Todes durch Jesus Christus sind auch alle Leiden endgültig aufhebbar. Die ultimative Antwort ist gefunden: Identifiziere Dich mit dem Ewigen und überwinde so alle Anhänglichkeit ans Vergängliche, Materielle! Alles andere hat keinen Heilswert.

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Zur Ergänzung einige Ausführungen von Siegfried Scherer:

Kritik am Kreationismus

Als ich mich als Student dem christlichen Glauben zuwandte, stand ich dem Kreationismus amerikanischer Prägung zunächst sehr nahe. Obgleich ich nach wie vor ein ausgesprochen konservatives Verständnis der Heiligen Schrift vertrete, habe ich heute ein distanziertes Verhältnis zu wesentlichen Erscheinungen des Kreationismus:
–   Anders als der Kreationismus denke ich, dass ein junges Alter („Schöpfungsalter“) des Universums und der Erde nur entgegen der meisten derzeit akzeptierten astronomischen und geophysikalischen Daten geglaubt werden kann. Auch die Annahme, dass die meisten geologischen Schichtfolgen in einem Jahr gebildet wurden, erscheint mir mit geologischen und paläontologischen Daten unvereinbar.
–    Die im Kreationismus nicht seltene, in manchen Kreisen sogar häufige Ausblendung „unpassender“ Daten bei dem Versuch, ein bestimmtes Verständnis von der Geschichte des Universums, der Erde und des Lebens zu begründen, trägt mitunter ideologische Züge und ist konträr zu einer wissenschaftlichen Arbeitsweise.
– Nach meinem Verständnis erheben die Schreiber der Urgeschichte der Heiligen Schrift den Anspruch, über das anfängliche Handeln Gottes mit der Menschheit in einer geschichtlichen Dimension zu berichten. Dabei steht das Gerichts- und Erlösungshandeln Gottes im Mittelpunkt.  Ich kann es aus verschiedenen Gründen nicht nachvollziehen, wenn die Urgeschichte der Heiligen Schrift im Kreationismus sozusagen als naturkundlicher Text gelesen wird.
–    Die Polemik, mit der im Kreationismus zuweilen gegen andere Positionen vorgegangen wird, ist bedenklich.