„Der Heilige Geist“ – was ist das?

Christen, besonders die, die ab und zu die Bibel lesen oder Pfingstler und Charismatiker reden ständig vom „Heiligen Geist“. Obwohl sie ihn alle zu besitzen wähnen, reden sie aber auch immer aneinander vorbei.

Was ist also der „Hl. Geist“ und wer hat ihn tatsächlich? – Um das herauszufinden, müssen wir uns erst einmal klar machen, was „heilig“ bedeutet. Das deutsche Wort ist abgeleitet von „heil“, das „ganz“ bedeutet, im Englischen ebenso: „holy“ – „whole“. Der „Heilige Geist“ ist deshalb der „ganze Geist“, der „allumfassende Geist“, der Geist, der heil, also die Seele des Menschen heilig, den Leib gesund macht. Es ist der Geist der Ganzheit.

Dieser Geist war nach christlicher Auffassung in vorchristlicher Zeit allein Gott zu eigen. Seit Pfingsten können auch Menschen an ihm partizipieren.

 

Wie der heilige Geist zum Menschen kam

Weshalb dieser Unterschied? Nun, in vorchristlicher Zeit war der Mensch durch die Sünde von Gott getrennt und konnte damit noch nicht vollkommen werden. Vollkommenheit ist ein anderes Wort für Ganzheit. Erst indem sich Jesus Christus zum Sünder machte und so den „Geist der Sünde und des Todes“ durchdrang, ist der Mensch prinzipiell wieder in die Sphäre Gottes eingegliedert. Was den Menschen von Gott trennte war also der Unterschied zwischen dem „Geist Gottes“ und dem „Geist des Menschen, der Welt“.

Der heilige Geist wird aber auch der „Geist der Wahrheit“ genannt. Ein Geist muss ja schließlich auch Inhalte haben, sonst wäre er ja „geistlos“, also ein Widerspruch in sich selbst.

Da sich also der Geist Gottes mit dem menschlichen Geist vereinte, kann nun der Mensch auch die göttliche Wahrheit, d.h. das Sichtbare und das Unsichtbare/Übersinnliche erkennen.

Prinzipiell entstehen Erkenntnisse dadurch, daß Wahrnehmungen miteinander verglichen werden. Das, was wahr zu nehmen ist, ist die Realität. Die Bibel ist aber nicht die Realität selbst, sondern sie kündet in zeitgemäßer Einkleidung von der Realität. Wovon sie spricht, erfahre ich deshalb nur, wenn ich selbst die Realität aufsuche, von der sie spricht. Sie benennt also gewisse heilsgeschichtliche Fakten, die nur in Bezug zum konkreten Leben einsichtig und verständlich werden. Ich muss also „ganzheitlich“ an sie herangehen.

 

Das Grundübel des Menschen

Die wichtigste Wahrheit, von der die Bibel spricht, ist unsere „Erlösung“. Das ist ein Wort, mit dem wir nur deshalb meinen etwas anfangen zu können, weil wir ihm als christlich sozialisierte Menschen ständig begegnen. Jemand, der fern vom christlichen Glauben aufgewachsen ist, kann kaum etwas damit verbinden.

Konkretheit gewinnt dieses Wort, wenn sich der Mensch, unabhängig von allen religiösen Bezügen, klar macht, was das Urübel des menschlichen Lebens ist. Wenn man tief und klar genug denkt, kommt man darauf, dass es in der Sterblichkeit des Menschen, also dem Tod besteht. Um das zu begreifen, braucht man keine Bibel oder eine andere Offenbarung. Und so haben das nicht nur gewichtige Philosophen oder Psychologen erkannt, sondern auch ganz gewöhnliche Menschen.

Schwierig wird es erst, wenn man nach der Lösung für dieses Problem sucht. Denn solange dieses Problem nicht gelöst ist, können auch alle anderen Probleme des Menschen nicht gelöst werden. Denn um dieses Problem lösen zu können muss ich wissen, was der Mensch ist.

Ist er lediglich ein Wesen, das mit der Geburt seinen Anfang nimmt und mit dem Tod endet, wie der Materialismus lehrt, oder ist seine Seele prinzipiell unsterblich?

Sollte Ersteres den Tatsachen entsprechen, dann gibt es für ihn keinerlei Hoffnung. Dann haben alle Religionen unrecht. Der Mensch ist dann auch kein Sünder, so wenig wie eine Kuh gegen ihr Kuhsein sündigt. Der Mensch ist dann Mensch und kann nichts anderes sein, wie die Kuh eben Kuh ist und nichts anderes sein kann.

Nur wenn der Mensch prinzipiell unsterblich ist, aber zu einem Sterblichen wurde, ist er gefallen, lebt er wider seine Natur, das man ihm dann zu Recht vorwerfen kann.

 

Ist der Mensch unsterblich?

Wir sehen bereits aus diesem Gedankengang, dass alle diejenigen, die meinen aus der Bibel herauslesen zu dürfen, dass der Mensch keine Unsterblichkeit habe, grundlegend falsch liegen. Ihre Lehren sind deshalb wertlos, ja irreführend.

Nun haben wir aber vorgegriffen. Es ist ja überhaupt noch nicht ausgemacht, dass des Menschen Seele tatsächlich unsterblich ist. Doch genau das wollte uns Jesus Christus durch sein Sterben und Auferstehen vermitteln. Doch muss sich die Unsterblichkeit auch auf weniger spektakulärem Weg erweisen. Ja, man muss sich ihr unmittelbar bewusst werden können, ohne dass man selbst bereits auferstanden ist. Das ist möglich, wenn man sich fragt, wer bin ich? Bin ich das, was ich liebe oder hasse? Warum liebe ich gerade das und verabscheue jenes? – Wenn man in dieser Richtung immer weiter fragt, kommt man dahin, dass man im Grunde nichts von alledem ist, was man bisher dachte, sondern nur allgemeines, allseits offenes, schöpferisches Leben ist, das sich seiner selbst als unsterblich bewusst werden möchte.

Die Unsterblichkeit ist bereits vielen Menschen zur Gewissheit geworden. Sogar schon in vorchristlicher Zeit, man denke an Plato, der sie lehrte oder an die Upanishaden, die die Göttlichkeit der Seele (Atma) betonen. Wer seine Augen aufmacht und ganzheitlich denkt, wird viele Indizien dafür wahrnehmen.

Der christliche Glaube ist also nichts, dass mit dem natürlichen Leben keinen Zusammenhang hätte, sondern stellt die Rückführung des Natürlichen ins Übernatürliche dar.

Die menschlichen Probleme können nicht ohne den individuellen Menschen, über seinen Kopf hinweg, gelöst werden, sondern nur dadurch, dass sich jeder persönlich bewusst wird, dass er unsterblich ist, und er deshalb in Bezug auf sein persönliches Leben nichts mehr negativ werten muss.

 

Was „Neugeburt“, „Wiedergeburt“ wirklich ist

In der Identifikation mit dem Ewigen wird der Mensch neu „geboren“. Viele Christen behaupten zwar, „von neuem geboren“ zu sein, eine „Wiedergeburt“ erlebt zu haben, aber sie verwechseln dabei die Bekehrung mit der Wiedergeburt. Sie haben sich nun ernsthafter als zuvor, oder überhaupt das erste Mal, entschieden, als Christ zu leben, d.h. in die Kirche zu gehen, die Bibel zu lesen, zu beten, oder zusammenfassender ausgedrückt, „Gott/Jesus gehorsam“ zu sein. Aber die Aufforderung, Gott zu gehorchen erging schon in alttestamentlicher Zeit. Das ist also nichts Neues!

Wenn jemand nur gehorsam ist, dann ist er ja noch als Fremder von dem anderen geschieden. Er tut dann nicht seinen Willen – denn er würde ja aus den ursprünglichen Impulsen etwas anderes tun – sondern den Willen eines Fremden. Wie schädlich das ist, fällt einem erst auf, wenn man das in Bezug auf einen Menschen tut. Denn so kann man „Selbstlosigkeit“ auch verstehen. Der Mensch wird dann zum Spielball des anderen und weiß selbst nicht mehr, was er will und was ihm gut tut. Wer sich so selbst übergeht, merkt, dass er ausgebrannt wird, also ein „bourn out“ bekommt, oder sonstwie depressiv. Im „Gehorsam“ kann also nicht die Lösung des Problems liegen. Sondern nur in der Neugeburt, d.h. auf einer neuen Grundlage, einem neuen Fundament, einem neuen Ausgangspunkt meines Denkens, Fühlens und Wollens. Und das kann eben nur das Ewige selbst sein. Wer wirklich neugeboren werden will, sagt sich: Ich bin ewig. Göttlich ist mein wahres Wesen. Aber jetzt bin ich nur ein Kind, ein Kind Gottes, aber ich soll vollmächtig wie Jesus Christus werden. Er ist der erwachsene, der reife Gott!

Niemals könnten wir die gleichen Taten tun wie er und noch größere, wenn wir nicht die gleiche Grundlage wie er hätten. Niemals könnte er der Erstgeborene unter Brüdern sein, wenn wir nicht von der gleichen Grundlage ausgehen. Niemals könnten wir ihm gleich werden, genauso wenig, wie aus einem Apfelbaum ein Pflaumenbaum werden könnte (Mt. 7, 16-17).

Wir halten also fest: Erst mit den Identifikation mit dem Ewigen gewinnt das Leben des Menschen die Kraft, die Bibel im rechten Licht zu sehen und das Leben richtig zu verstehen. Nur wer sich mit dem Ewigen identifiziert, kann den Heiligen Geist besitzen. Denn „der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes“ (1. Kor. 2,14) weil durch die Identifikation mit dem physischen Leib seine Sinne ganz auf die äußere Sinneswelt gerichtet sind und nicht auf das Unsichtbare, dessen Ergebnis erst der physische Leib ist.

Nur wer die verborgenen und komplexen Zusammenhänge immer mehr erkennen lernt, kann die Bibel richtig auslegen. Was heute unter „Bibelauslegung“ fungiert, ist eine, die wirklichkeitsfremd ist, weil sie eben nicht die Verbindung des Wortes zur Realität aufsucht.

6 Gedanken zu “„Der Heilige Geist“ – was ist das?

  1. Was ist denn Realität? Ist es nur die Wirklichkeit eines Menschen, der materiell, sozial und gesundheitlich auf der Sonnenseite des Lebens lebt? Oder verdient die Lebenswirklichkeit derer, die vom Hungertod bedroht sind oder die schwer krank sind auch Beachtung? Zu welcher Realität soll man Verbindung aufsuchen, um die Bibel richtig auslegen zu können?

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    1. Realität ist das was tatsächlich ist. Menschliche Realitäten sind, dass es den einen gut geht, den anderen nicht. Aber eine solche Realität baut auf tieferen Realitäten auf.
      Leid in jeder Form existiert nur da, wo die grundlegende Realität nicht gekannt und gelebt wird. Diese grundlegende Realität ist das Ewige.
      Wenn wir uns das Ewige meditativ bewusst machen und was es für unser alltägliches Leben bedeutet, verlieren wir immer mehr unsere Existenzangst und das Übel, das daraus folgte.
      Dann erkennen wir, dass wir persönlich einen Weg gefunden haben, mit dem sich unsere Probleme vollständig auflösen und der deshalb allen Menschen zu empfehlen ist.

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  2. In diesem Artikel findet man den Hauptpunkt, auf den hin sich die Kirchen ändern müssten. Eine Prognose besagt, dass sich die Mitgliederzahl der dt. Kirchen bis 2060 halbieren wird. Der Weg ist: vom Mentalen zum Realen, vom Psychologischen zum Existenziellen. Allein Schrift und Glaubensbekenntnis spielen sich nur im Kopf ab, und verleihen Sicherheit und Trost. Das brauchen wir auch, aber nur das ist zu wenig, ist nicht Religion. Wenn das alles ist, dann ist die alte Kritik des „Opium für das Volk“ nach wie vor gültig. Religion will uns nicht in scheinbarer Sicherheit in Watte packen, sondern uns grundlegend transformieren.
    Seien wir ehrlich, die meisten Gläubigen halten an der Kirche fest, weil sie dort psychologischen Trost finden. Dann genügt die Mitgliedschaft, oder einmal die Woche am Sonntag die Messe, das reicht.
    Gläubige müssen endlich den Weg auf sich nehmen aufzuhören, nur Gläubige zu sein, und ihrem Glauben die Dimension des Suchens hinzufügen. Sonst gibt es nur Sein, ohne Werden, und dann zwangsläufig einen Zukunftsglaube, in dem dann mal eine Transformation (am besten nach dem Tod) stattfindet. Wir müssen auch Werden! Das bedeutet hier, aus dem Kopfglauben rauszukommen. Ganz ehrlich, wer hat Erfahrung von Himmeln und Hölle, von Engeln und Teufeln, vom Heiligen Geist und Reich Gottes? Eben, niemand! Also sagen wir: Ich weiß es nicht! Das wäre der erste Schritt. Ich weiß es nicht, aber lass es uns herausfinden! Dann ist man bereits zu einem Prozent ein Mystiker, jemand der auf dem Weg der Erfahrung ist.
    Hat man sich auf den Weg der praktischen Erkundung seines Glaubens begeben, gibt es einen weiteren Aspekt, dem die traditionelle Kirche entgegensteht: Wir schauen nach oben! Das ist die höchste Auslegung von „habt Glaube wie ein Senfkorn“: obwohl wir den Baum nicht sehen, ist er jetzt da! Es geht um das Zutagetreten von Dingen, die man nicht sieht. Das wurde auch im Artikel gesagt: Wir haben die gleiche Grundlage wie ER! Wenn wir jetzt der Baum sind, warum dann immer wiederholen: ich bin ein senfkorn, ich bin ein senfkorn…?
    Daher: Verlassen wir unsere mentalen Schablonen, begeben wir uns auf den Weg der Erfahrung, und schauen wir dabei nach oben!

    Gefällt 1 Person

      1. Ich meine durchaus, dass eine starke religiöse Institution wichtig wäre, aber ohne diese nötigen Veränderungen wird das nichts werden. Bereits in den 60ern sagte Rahner: „Der Fromme von morgen wird ein Mystiker sein, einer der etwas erfahren hat, oder er wird nicht mehr sein.“ In der Kirche selbst hat sich aber nichts Substantielles getan. Sehr schade, diese vertane Chance. Dann werden die Menschen woanders fündig, wenn man sich zB anschaut was der (ich bin so frei) indische Meister Sadhguru global zustande bringt… eine Wiederbelebung des Yoga und innerliche Erfahrungen mit wissenschaftlicher Herangehensweise, wenn das mal nicht was ist für den Westen…

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