Urproblem Wertungen

Das Urproblem des Menschen besteht eben darin, dass er nicht anders kann, als zu werten. Könnte er diese Befähigung rückgängig machen, würde jedes Problem gelöst sein. Wertungen sind Unterscheidungen, nämlich wie ich etwas in einem Verhältnis zu mir sehe bzw. zu meinen Maßstäben. Ist es für mich gut, schlecht, hässlich, schön usw.? Die genannten Begriffe entstehen also aus den Beziehungen des Individuums zu Objekten/Subjekten außerhalb von ihm bzw. auch (aber das nur als Spätfolge der Unterscheidung zwischen „gut“ und „böse“) zu seiner Beurteilung seines eigenen Verhaltens/Könnens usw.

Für Gott existiert dieses Problem nicht, da er von nichts abhängig ist und für den deshalb alles gut ist. Gott ist eben der Mittelpunkt seiner Welt. Wir aber sind der Mittelpunkt einer fremden Welt (da wir sie nicht hervorgebracht haben), nämlich der Schöpfung Gottes. So stehen wir in einem Zwiespalt, nämlich den der Anpassung an Gottes Schöpfung (bzw. Gott selbst) und unseren eigenen Bedürfnissen, die sich aus der Entwicklung unserer Abhängigkeit von der Schöpfung ergeben haben.

Dieser anscheinend unauflösbare Konflikt kann nur gelöst werden, wenn das Individuum lernt, alles, was es äußerlich und innerlich erlebt, positiv zu werten. Das allerdings würde ihm unmöglich bleiben, wenn es nicht zur Erkenntnis kommen könnte, dass es in Wahrheit genauso unabhängig von der Schöpfung ist wie der Schöpfer selbst, da auch es ewig ist. Der Weg des wahren christlichen Glaubens besteht darin, ihm diesen Weg zur Freiheit aufzuzeigen.

Vom Glauben zum Schauen

Für die meisten Gläubigen sind Gott und die unsichtbaren Welten, einschließlich ihrer Wesen etwas “Verborgenes” (lat. “okkultes“), und so soll es auch nach Meinung vieler bleiben. Sie wollen nichts davon wissen. Entsprechend sieht dann natürlich die Bibelauslegung aus. Rein willkürlich, da man keine übersinnlichen Erkenntnisse, keine Einsichten in Zusammenhänge hat.
Dabei sollte doch der Glaube als übersinnliches Wahrnehmungsorgan dienen: “Durch den Glauben nehmen wir wahr, dass die Welten durch Gottes Wort geschaffen sind.” (Hebr. 11,3). Durch ihn wird unser Sinn und damit unser Wahrnehmungsvermögen auf das Übersinnliche gerichtet. “Trachtet nach dem, was droben ist.” (Kol. 3,2), werden wir ermahnt. Die Ausrichtung nach “oben” genügt aber noch nicht, um wirklich etwas wahrzunehmen. Deshalb heißt es “Selig, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.” (Mt. 5,8). Um ein reines Herz zu bekommen ist Heiligung nötig. Wiederum heißt es deshalb “Ohne Heiligung wird niemand den Herrn schauen.”
Ein reines Herz kann man mit einem Spiegel vergleichen. In einem Spiegel ist nichts eigenes, sondern er gibt nur wieder, was sich in ihm spiegelt. Wenn in uns Emotionen sind, wie Wut, Hass, Ärger, Zorn, Angst, Furcht so ist das, wie wenn der Spiegel blinde Flecken hätte, oder wie wenn Wolken vor den Himmel ziehen.
Aber auch Vorurteile binden unseren Geist, so dass er nicht die Wahrheit erkennen kann. Deshalb sollten wir uns um Objektivität bemühen. Alles so da sein lassen, wie es ist. Das fällt uns oft nicht leicht. Wir Menschen haben ein Interesse daran, die Wirklichkeit zu entstellen, d.h. sie anders wahrnehmen zu wollen, als sie wirklich ist. Wir meinen nämlich oft, die Wahrheit nicht ertragen zu können. So lügen wir uns lieber etwas vor.
Furchtlos der Wahrheit ins Antlitz zu schauen lernt aber der, der weiß, dass er ein ewiges Wesen ist und ihn nichts und niemand vernichten kann.

“Unser Wandel ist im Himmel” (Phil.3,20). Also sollten wir uns da ein bisschen auskennen. Unser ewiges Ich ist immer in der unsichtbaren Welt. Es hat nur seine Wahrnehmung auf das Sinnlich-Sichtbare gerichtet und deshalb meinen wir Menschen, wir lebten ausschließlich hier auf Erden. Das ist aber ein Trugschluss. Deshalb müssen und sollen wir nicht warten, bis uns alles nach dem Tod, wie einige meinen, offenbar wird (wenn wir unser übersinnliches Erkenntnisvermögen nicht hier entwickeln, werden wir da auch nicht viel wahrnehmen), sondern hier und jetzt soll es geschehen.
Die Nahtoderlebnisse und die weitere Entwicklung derer, die nicht zurückkommen kann prinzipiell jeder von hier aus verfolgen. Ganz einfach weil wir uns selbst schon in diesen Welten aufhalten.
Dazu muss man natürlich nicht Christ sein. Das kann jeder Mensch, der sich um Reinheit bemüht, der nicht irdisch gesinnt ist.
Solche Menschen gab es schon immer. Sie wurden “Menschensöhne” (Eph. 3,5) genannt. Nur das Geheimnis der Auferstehung konnten sie noch nicht erkennen.
Ein solcher Menschen begegnet uns in der Frühzeit des Christentums. Er schrieb in einem Brief “Könnte ich euch etwa nicht auch Himmlisches schreiben? Ich fürchte nur, dass ich euch Unmündigen Schaden zufüge (…) auf dass ihr unfähig es zu fassen, (nicht) erstickt. Bin doch selbst ich, ob ich auch (…) die himmlischen Dinge und die Rangordnungen der Engel und der Fürstentümer , Versammlungen, Sichtbares und Unsichtbares wohl verstehen kann, um deswillen noch kein Jünger.” (Ignatius an die Trallianer 5, 1-2).
Wie weit sind wir doch von den Erwartungen, die Jesus und die Apostel an die Jünger Jesu hatten, entfernt. Schon damals rügte Jesus, dass die Menschen so blind waren: “Wenn ihr eine Wolke von Westen aufsteigen seht, sagt ihr alsbald, es gibt Regen. (…) Heuchler! Das Angesicht der Erde und des Himmels wisst ihr zu beurteilen; wie aber kommt es, dass ihr diese Zeit nicht beurteilen könnt?” (Luk. 12, 56). Was würde Jesus heute sagen, wo wir davon reden, dass in Christus alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis seien (Kol. 2,2), wir aber jede Offenbarung solcher Schätze als “über die Bibel” hinausgehend, also als unbiblisch ablehnen? Sind wir nicht da noch größere Heuchler?
Dazu gäbe es noch viel zu sagen.

Was bedeutet es, „im Geist zu wandeln“?

Die Heiligung ist für das Christenleben von existentieller Bedeutung. Das ist, wie mir immer wieder deutlich wird, überhaupt nicht bekannt. Man meint, es genüge doch, an Jesus Christus als Erlöser zu glauben. Aber was ist denn dieser Glaube? Ist es, wie man meint, das, was in der Bibel steht, für wahr zu halten? Das ist dann nur eine Kopfsache und nichts, das das Leben grundlegend verändert.

Heiligung ist der praktische Vollzug des Glaubens, es ist das tagtägliche Wandeln im Geist, das Beten ohne Unterlass (1. Thess. 5,17).

Durch die Wiedergeburt bin ich potentiell heilig (Kol. 3,12; Eph. 1,1) und vollkommen (Kol. 2,10; 2.Kor. 13,11). Aber das alles hat für mich keinen wahren Nutzen, wenn es nicht auch zur Erfahrung wird. Es ist wie ein Samenkorn, das aufgehen und wachsen muss (Mt. 7,17). Das geschieht auf dem Weg des Lebens (Jo. 14,6), dem Weg der Heiligung.

Heiligung bedeutet also mein Leben mit dem, was ich wirklich als wiedergeborener Mensch bin, nämlich ein ewiges, unverletzbares, glückliches Wesen, in Einklang zu bringen. Es ist damit die allmähliche, d.h. fortschreitende Überwindung der „fleischlichen“ Natur, also dessen, was ich durch meine natürliche Geburt, die Erziehung usw. geworden bin: „Wandelt im Geist, und ihr werdet die Begierde des Fleisches nicht erfüllen.“ Gal. 5,16

Das „Fleisch“ ist also das, was aus dem Gleichnis und Ebenbild Gottes durch den Sündenfall geworden ist: Ein Wesen, das dem Leid unterliegt, weil es sich selbst als vergänglich betrachtet und deshalb das Vergängliche, d.h. die Dinge dieser Welt begehrt.

Man muss also dieses Begehren, d.h. die Welt, überwinden, um wirklich heil zu werden.

Die Motivation dazu finden wir in der ständigen Besinnung darauf, dass ein leidfreies Leben möglich ist und nur durch die Überwindung zu erreichen ist.

Im Nachhinein bin ich froh, dass ich durch innere Notwendigkeit bereits im Alter von 21 Jahren dazu „gezwungen“ wurde, weil mein Leben durch meine psychischen Probleme unerträglich geworden war. Froh und dankbar bin ich heute auch dafür, keine ärztliche oder psychotherapeutische Hilfe in Anspruch genommen zu haben. Seit Jahrzehnten, da ich ein glücklicher Mensch bin, kann ich sagen, ich habe den Segen der Heiligung erfahren! It works!

Das heißt aber nicht, dass es damit vorbei ist. Im Grunde sollte Heiligung wie das natürliche Wachstum einer Pflanze sein. Sie wird kontinuierlich immer größer. Nicht außerhalb von mir, nicht in dem, was die Welt bietet, finde ich Genesung von allem Leid, sondern allein in mir. In mir, in meinem Körper kann ich mich ständig immer wohler fühlen.

Seelische Prozesse bei Glaubensübung „Zur Ruhe kommen“

Wer Glauben praktiziert, wird immer wieder von den eigenen Empfindungen angefochten. Da hilft es, die psychischen Prozesse zu verstehen.

Alles hat seine Wurzel in der Unterscheidung zwischen positiv und negativ. Wenn man zum Beispiel loslässt, um zur Ruhe zu kommen, kann es passieren, dass man diesen oder jenen Mangel verspürt und deshalb traurig wird. Das Empfinden von Mangel kommt grundsätzlich aus der genannten Unterscheidung. Denn wenn ich mir meiner selbst und damit getrennt von der Umwelt bewusst bin, fehlt natürlich immer etwas, denn die Umwelt ist nicht mein und ich bin nicht mit ihr eins.

In unserer Gesellschaft sind es aber nicht die Grundbedürfnisse, deren Befriedigung wir vermissen, sondern eben allerlei, das zum Leben nicht notwendig ist. Ich kann Zuwendung vermissen, dieses oder jenes kulturelle Angebot, da ich auf dem Dorf oder in einer Kleinstadt wohne, Abwechslung, Anregung usw.. Aber alles das, was ich entbehren muss, ist nicht an sich begehrenswert, sondern es erscheint mir nur als solches, weil meine subjektive Empfindung mir das einredet. Sie tut es deshalb, weil ich in der Vergangenheit gewöhnt war, meine Befriedigung in den Dingen der äußeren Welt und bei Menschen zu suchen, anstatt im Ewigen. Weil ich da auch zeitweilig Befriedigung empfand, möchte ich das so für gut Befundene wiederholen, obwohl ich jetzt weiß, dass ich durch solches Streben niemals ein glückseliger Mensch werden kann.

Wenn man also nur zur Ruhe kommen will, kommt man deshalb noch nicht zur wahren Ruhe, die mit der Glückseligkeit eins ist, sondern nur auf seinen emotionalen Gemütsgrund. Deshalb ist es, neben dieser Übung, auch immer wieder nötig, positiv zu affirmieren, also, z.B. dass man unabhängig von Menschen und Dingen allezeit glücklich und fröhlich ist. Nur so kommt man dem geglaubten Ziel – nämlich tatsächlich frei und allezeit glücklich zu sein – näher, sodass man bei späterem Loslassen und „alles dasein lassen“ (s.o.), auf einen besseren, heiteren Gemütsgrund kommt.

Man glaubt also manchmal an die Kraft der Affirmationen nicht, weil einem die Gefühle das Gegenteil sagen. Aber die Entwicklung positiver Gefühle benötigt Zeit, während die bereits vorhandenen Gefühle nur deshalb so stark sind, da sie ja bereits lange unbewusst eingeübt wurden. Dieser Unglaube kommt also aus dem Gefühlsurteil der Vergangenheit.

Wahrheit ist, dass allein das Ewige das dauerhafte Glück sichert. Aber dieses Glück hat keine andere Zugkraft als eben die Wahrheit selbst. Deshalb ist es notwendig, sich über sie zu freuen, damit sie, wie die bisherige Unzufriedenheit, zur Erfahrung wird.

Ich bin eine Eisscholle,

aber in Wahrheit der Ozean, auf dem sie schwimmt. Was will ich mit diesem Gleichnis sagen? Eine Eisscholle ist nichts anderes als gefrorenes Wasser, aber sie ist im Gegensatz zu ihm fest, hat eine bestimmte Kontur, eckt an andere Eisschollen an, wird auch durch sie in eine andere Position gedrängt, wie sie das mit den ihr Begegnenden auch tut.
Ersetzen wir nun das Wort „Eisscholle“ in ihrer ganz bestimmten Kontur durch das Wort „Charakter“ und schon haben wir die Verbindung zu uns selbst geschaffen. Seit dem sogenannten „Sündenfall“ sind wir Menschen „gefroren“, d.h. sind wir zu Menschen mit einem bestimmten Charakter geworden und „schwimmen“ nun mit unseren Mitmenschen auf dem „Wasser“,was zu Zusammenstößen und Konflikten führt.


Natürlich kann man ein Gleichnis nicht unendlich auswalzen; es macht nur etwas bestimmtes anschaulich. Wenn wir frei und glücklich werden wollen, so sagt das Bild, müssen wir uns zu Wasser auflösen, wir müssen „schmelzen“. Damit Eis schmilzt, muss es warm werden, muss die Sonne darauf scheinen. Das Eis kann nicht in seinem gegenwärtigen Zustand, den es hat, sich sagen, „ich schmelze“. Aber scheint die Sonne und es wird warm, geschieht es ganz von selbst. Setzen wir nun anstelle des Begriffes „Sonne“ den Begriff „höheres Bewußtsein“ oder „Bewusstsein der Wahrheit“, dann kann durch die Liebe zur Wahrheit(= Wärme) unser von Gott getrenntes Wesen völlig aufgelöst und mit Gott ( dem „Ozean“) eins werden.
In der Vereinigung mit ihm, im Eins-geworden-Sein, liegt die völlig zu erfahrende Befreiung von allem Übel, liegt die volle Glückseligkeit. Solange aber immer noch etwas vom „Eis“ vorhanden ist, ist unser wahres Wesen, nämlich „fließendes Wasser“ noch nicht völlig erlebbar. Da nützt es auch nichts, wenn die Eisscholle in eine völlig andere Gegend kommt, wie wir etwa durch den physischen Tod. Dieser Tod bringt uns nicht zum „Schmelzen“ und ins „Himmelreich“, sondern ist noch Folge unserer Sündhaftigkeit. Denn die Ursünde brachte auch den physischen Tod. Nur das völlige Absterben unseres Egos bringt uns der Erlösung näher.
Es geht also, wie wir an diesem Gleichnis gesehen haben, und wie es auch Bestandteil der Kirchenlehre ist – allerdings wird darüber kaum gesprochen -,um unsere „Theosis“, unsere Gottwerdung, wie der Begriff sagt.
Als Christen nennen wir zwar Gott „Vater“, aber das verstehen wir leider ganz anders als es die Juden zu Jesu Zeit verstanden. Die wollten nämlich Jesus Christus nicht nur töten, weil er den Sabbath brach, sondern vor allem, weil er Gott seinen Vater nannte. Dadurch mache er sich Gott gleich (Joh 5,18), erkannten sie folgerichtig. Und Jesus konterte nicht, mit „nein, so ist es nicht gemeint“, sondern mit Psalm 82,6 “Ich habe gesagt: Ihr seid Götter”.
Auch Paulus bescheinigt den Griechen, dass sie (und alle Menschen) in Wahrheit Götter sind: “Da wir nun Gottes Geschlecht sind…” (Apg. 17,29).
Der Kirchenvater Augustinus fragt „Wenn die Seele etwas liebt, wird sie ihm gleich; wenn sie weltliche Dinge liebt, wird sie weltlich, aber wenn sie Gott lieben sollte (so muss man fragen), wird sie dann nicht zu Gott?“
Heute weisen das die meisten Christen entrüstet ab. Sie betonen immer wieder ihre Sündhaftigkeit. Ja, sie sehen in einer solchen Aussage sogar die “Verführung der Schlange”, wie sie schon in der Genesis geschildert wurde. Das alles aber ist nichts anderes als undifferenziertes, oberflächliches Denken der heutigen Christen.


Irenäus (* um135; † um 200) schreibt: „Der Mensch schreitet allmählich vorwärts und erhebt sich zur Vollkommenheit. Das heißt, er nähert sich dem Ewigen. Das Ewige ist vollkommen, und das ist Gott. Der Mensch muss zuerst ins Dasein treten, dann Fortschritt machen, und durch den Fortschritt erreicht er Menschlichkeit, hat er die Menschlichkeit erreicht, so muss er zunehmen und zunehmend ausharren und ausharrend verherrlicht werden und so seinen Herrn sehen.” Athanasius (293-373), Bischof von Alexandria, stellt in seiner berühmten Schrift Über die Inkarnation des Wortes fest, dass Christus „ein Mensch wurde, damit wir göttlich gemacht werden können.“ Der heilig gesprochene Symeon aus dem 10. Jahrhundert sagt, „Er, der Gott ist, spricht mit denen, die er durch Gnade zu Göttern gemacht hat, so wie ein Freund mit einem Freund spricht, von Angesicht zu Angesicht.” Um es kurz zu machen: “Gott wurde Mensch, damit wir Gott werden können, war ein Gemeinplatz in den Lehren der Theologie.” (William R. Inge, Christian Mysticism. H.v.mir)
Selbst Luther hat diese Lehre noch aufgenommen und schreibt, “der Mensch mit Gnaden beholfen ist mehr als ein Mensch. Ja die Gnade Gottes macht ihn gottförmig und vergöttlicht ihn.” (WA. 2.248.1). “Deshalb wird Gott Mensch, damit der Mensch Gott werde. (WA.5, 167, 40) “Christus und der Glaubende werden ‚wie eine Person‘ “ (WA. 40,1, 285) “Der Glaubende ist ein göttlicher Mensch (homo divinus)” (WA 40.1.390).
Belassen wir es an dieser Auswahl, die noch um viele Zitate vermehrt werden könnte und bringen wir uns zu Bewusstsein, dass alles das falsche Lehre ist, die einen einfacheren Weg der Erlösung lehrt. Es gibt keine billige Gnade, die uns nach dem physischen Tod die Erlösung bringt.

Hast Du „den Schatz“ wirklich schon gefunden?

Das frage ich mich selbst, weil ich heute bemerkte, dass ich mich doch etwas viel mit der russischen Invasion in der Ukraine beschäftige. Das ist ja nun wirklich nichts Erfreuliches. „Weshalb tust du dir das eigentlich an ? “ Ich muss mich doch nicht mit negativen Erscheinungen der Welt beschäftigen. Ich habe doch das Beste, das es geben kann.

Das Himmelreich ist gleich einem im Acker verborgenen Schatz, den ein Mensch fand und verbarg. Und in seiner Freude geht er hin und verkauft alles, was er hat, und kauft jenen Acker.

(Mt. 13,44)

Also, warum lässt du dich ablenken?
Wer einen Schatz gefunden hat, hat nur noch im Sinn, ihn vollständig zu bergen! – Offenbar ist mir eben nicht wirklich bewusst, was ich habe. Doch wenn selbst ich noch so unbewusst bin, was ist dann erst mit den anderen, mit meinen Mitbrüdern und -schwestern? Mit jenen, die ständig über die moderne Gesellschaft die Nase rümpfen, weil sie keine christlichen Werte umsetzt? Oder denen, die unentwegt im Clinch mit anderen um das rechte Verständnis der Bibel liegen? Und schließlich noch jene, die mehr gedankenlos gutbürgerlich dahinleben und meinen, dies ließe sich mit dem christlichen Glauben vereinbaren?
Uns allen fehlt mehr oder minder nicht irgendein „Glaube“, sondern wirklich das Bewusstsein, einen Schatz jetzt auf Erden (und nicht erst dann – nach dem Tod) zu haben. Weshalb? – Weil wir alle durch falsche Glaubenslehrer fehlgeleitet wurden!

Jäh wurden wir aus dem Schlaf gerissen

Plötzlich ist der Weltfriede wieder gefährdet. Unversehens wurde ein neues Wettrüsten angestoßen, ist ein abermaliger „eiserner Vorhang“ zwischen Ost und West denkbar geworden.
Es ist klar, dass es keinen dauerhaften äußeren Frieden geben kann, wenn der innere Friede fehlt. Inneren Frieden kann nur jeder Mensch persönlich erlangen (s. auch: „Wahrer Friede“). Er ist kein Natur- oder gesellschaftliches Ereignis.
Nun reden wir Christen gern vom „Frieden Gottes“, den wir (angeblich) haben. Aber ist dieser Friede
wirklich substanzhaft? Etwa so, wie der von Swami Muktananda, dessen Friede so groß war, dass ein
ganzer Ort ihn bat, „für immer dort zu bleiben, da sich um ihn herum Frieden ausbreitete.“[1]? Oder jener von Sadhu Sundar Singh, der berichtete, dass ihn der Friede auch im größten äußeren Leid nicht verließ? – Es ist nicht von ungefähr, dass hier zwei Inder als Protagonisten genannt werden, denn sie wissen, dass geistliche Schätze nur durch geistliche Disziplin erlangt werden können. Wir stattdessen meinen, es müsste uns alles in den Schoß fallen, da Gott uns ja gnädig sei.
Doch wie lautet es im Hebräerbrief (12,14)? – „Jagt nach dem Frieden…“. Der Friede flüchtet ständig vor dem Menschen. Der Mensch muss ihm wahrhaft hinterherjagen, um in seinen Besitz zu kommen.
Friede beginnt in der Gedankendisziplin. Indem wir wissen, dass es nichts Wertvolleres als unsere
Unsterblichkeit/Ewigkeit/Gott gibt, haben wir bereits alles und brauchen nichts Äußeres, noch kann uns Letzteres wirklichen Schaden zufügen. In der Pflege dieser Gedanken lassen wir uns nicht verleiten, erregt oder gar empört zu werden, sondern wir bleiben immer bei uns, die wir Frieden haben.

[1] EZW, Orientierungen und Berichte Nr. 19,9

As times goes by

Im Dezember hatte ich mir wieder einmal ein „christliches Buch“ zur Rezension bestellt, aber bald gemerkt, dass mich das Thema eigentlich nicht mehr interessierte. Längst war ich über das Pfingstlerische, Charismatische hinausgewachsen.

Bereits während meiner Zeit als Bausoldat in der damaligen DDR hatte ich einige übersinnliche Erlebnisse, die durch die Begegnung mit der charismatischen Bewegung sich vertieften und ausweiteten.

Mit Begeisterung las ich charismatische und pfingstlerische Literatur, die hauptsächlich dadurch vorhanden war, dass man sie sich gegenseitig auslieh. „Die glücklichsten Menschen auf Erden“ von Demos Shakarian trug nicht unwesentlich dazu bei, dass ich zu meiner ersten Vision kam (s. hier).

Meine Erwartungen in die Bewegung waren hoch und ich hoffte auf eine kraftvollere Wiederholung der Ereignisse, die 1835 zur Aussendung von 12 Aposteln führte, die die Christenheit durch das Wirken in Geisteskraft einen sollte. Der gegenwärtige Zustand der Kirchen und Gemeinden bedrückte mich sehr. Sie waren in meinen Augen „tot“. Da war wesentlich nur Gewohnheit, Tradition wahrnehmbar.

Obwohl mir bald in einer Vision gezeigt wurde, dass aus dieser Bewegung nichts zu erhoffen war, bezog ich weiterhin Zeitschriften aus der Erneuerungsbewegung, um ja nichts zu verpassen!

Nun, die Geschichte hat gezeigt, dass dieser Aufbruch tatsächlich schon in seinen Anfängen steckenblieb, weil eine theologische Durchdringung der unsichtbaren Realitäten unterblieb und der Geist nicht „in alle Wahrheit“ führen durfte, sondern lediglich gut dazu war, Heilungen zu bewirken oder dem eigenen Ego zur Anerkennung zu verhelfen, indem man sich darauf berief, dass „der Geist“ einem dies oder jenes gesagt habe.

Schon im Anfang meiner Berührung mit pfingstlerisch/charismatischer Literatur wunderte ich mich über das Banale, das „Gott“ angeblich wollte oder dem Menschen schenkte. Das schien mir etwas daneben, wo mir schon mein Verstand sagte, dass es Wichtigeres gab. Aber damals war ich noch zu sehr von Ehrfurcht erfüllt, als dass ich das Menschliche darin durchschaut hätte.

Nun hatte ich also ein Buch zu besprechen, das den neuesten Stand der Bewegung reflektierte. Sie ist nicht tiefer geworden, sondern breiter. Doch um im europäischen Raum wirklich fruchtbar werden zu können, benötigt der Glaube eine Vertiefung, wie sie nur aus der Erkenntnis der unbewussten Glaubensmuster des natürlichen Menschen entspringen kann, die einer Heiligung des ganzen Menschen im Wege stehen. Dazu leisten Pfingst- und charismatische Bewegung bisher nichts.

Charismatisch, evangelikal und katholisch


Sandler, Willibald. Charismatisch, evangelikal und katholisch
Verlag Herder, 2021, 360 S., 28,- €

Die Symbiose von evangelikal und katholisch im Titel weckte meine Neugier. Passt denn das zusammen? Wie kann man als katholischer Christ evangelikal sein? Natürlich wird sich kein Katholik als evangelikal bezeichnen, sondern hier handelt es sich um eine Zuschreibung des Autors, um das Gemeinsame einer immer mehr über-, ja postkonfessionellen Praxis zu beschreiben. Diese ist von gefühls- und erwartungsorientierter Frömmigkeit geprägt, wie wir sie besonders aus der Pfingst- und der charismatischen Bewegung kennen und die sich damit vom Traditionalismus und progressiven Katholizismus unterscheidet.

Das Buch, verfasst von einem katholischen Theologen, der selbst bekennender Charismatiker ist, gibt im Kern einen guten Überblick über die evangelischen Erweckungsbewegungen, beginnend mit Graf Zinzendorf und den Herrnhutern bis zum „Mission Manifest“ des Augsburger Gebetshauses unter der Leitung von Johannes Hartl.

Zunehmend sehen viele Bischöfe und Pastoralverantwortliche in diesen Bewegungen und Initiativen die Zukunft der Katholischen Kirche, andere darin ihren Niedergang.

Es geht deshalb dem Autor darum, Brücken zu bauen und Dialog zu ermöglichen. Auch möchte er Hilfe zur Unterscheidung der Geister bieten.

Während er Potentiale in der lebendigen Frömmigkeit und der Erwartungshaltung sieht, die anziehend auf andere Menschen wirke, sieht er eine Gefahr in der „Geschichtsvergessenheit und Theologieverweigerung“ dieser Strömungen.

Damit ist andererseits klar, dass unreflektiertes Erleben Glauben an der Oberfläche bleiben lässt, wo doch nur Tiefe der Erkenntnis einer naturwissenschaftlich geschulten Wissensgesellschaft Paroli bieten kann. Eine Festigung im Glauben muss, wo die Erwartungen enttäuscht werden, ausbleiben. Das kann dann dazu führen, dass der Glaube gänzlich verworfen wird.

Heute benötigt man Verständnis für übersinnliche Wirkzusammenhänge.

Es bleibt dahingestellt, ob sich unter diesen Umständen Hoffnungen auf eine Neu-Missionierung Europas erfüllen können.

Mir bietet das Buch zu wenig Kritik, was ich zwar angesichts einer exoterisch bleibenden Theologie verstehen kann, aber ist es wirklich so schwierig, eine „geistliche Kriegsführung“ à la Peter Wagner als das, was es ist, nämlich Unsinn, zu bezeichnen? Der geistliche Kampf – wie ihn die Bibel versteht – richtet sich nicht gegen „Territorien“, sondern gegen die falschen Überzeugungen der Menschen. Auch die Dämonenaustreibungen sind ein Anachronismus, der als solcher benannt werden muss.

Das Buch kann nur der Anfang einer gründlichen Auseinandersetzung sein.